Einführung in die Kunst des Erinnerns und Vergessens bei Weinrich

Inhaltsverzeichnis

Einführung in die Kunst des Vergessens und Lethe.

1. Einleitung

2. Sprachliches.

a) Etymologie

b) Grammatik

c) Semantik

d) Wortfamilie

e) Modalisierung

f) Neuheiten

g) Latein

h) Altgriechisch

i) Metaphern

j) Lethe

3. Mnemotechnik und Lethe

4. Die Verlockungen des Vergessens.

5. Liebesschmerzen vergessen

6. Die Transzendenz.

7. Angewandte Mnemotechnik

8. Schluss

9. Literatur

1. Einleitung

Dieser Artikel möchte kurz und knapp in die Kunst des Vergessens einführen. Hierfür wird zurückgegriffen auf das Werk ‚Lethe – Kunst und Kritik des Vergessens‘ von Harald Weinrich (*1927), spezieller: nur auf die ersten beiden Kapitel, welche in die grundlegende und klassische Ansicht (von Simonides bis Dante) der Mnemotechnik und deren Gegenspieler, die Vergessenskunst, einführt.

Der Linguist Weinrich ’spielt‘ zunächst mit dem Wort Vergessen, zeigt alle seine Bedeutungen auf, um so dann zu den Klassikern zu kommen, die sich noch auf die Mnemotechnik beriefen. Ähnlich macht es dieser Artikel: Das Sprachliche sowie Vergessen als Gegner der Mnemotechnik. Im Zusammenhang mit dem vorigen Artikel zu Ricœur, der Vergessen als etwas lebenswichtiges betrachtete, soll hierbei auch eine weitere Position des Vergessens gezeigt werden.

2. Sprachliches. 1

a) Etymologie

Vergessen besteht aus zwei Bestandteilen:

-gessen von dem alten germanischen Verb das heute ‚bekommen‘ ist.

Ver- als Präfix, welches den Sinn des Verbes umkehrt.

Vergessen ist also ein ‚Weg-(be)kommen‘.

b) Grammatik

Grammatisch ist ‚vergessen‘ ein aktives Verb, unsere Wahnehmung aber sagt, der Vorgang geht passiv von sich. Das Verb ist transitiv mit einem Akkusativ-Objekt, ‚etwas vergessen‘. Früher dagegen nutze man den Genitiv, süddeutsch auch die Konstruktion ‚vergessen auf‘, was für Weinrich aber sinnwidrig ist, da das Vergessen ja etwas ‚weg‘ nimmt.

c) Semantik

Vergessen ist nicht bloß das Gegenteil von Erinnern. Auf der ‚Haben-Seite‘ existieren das von Weinrich öffentlich genannte Gedächtnis sowie die private Erinnerung, auf der ‚Soll-Seite‘ dagegen lediglich das Vergessen als Gegenspieler beider Begriffe.

d) Wortfamilie

Das Nomen ‚Erinnern‘ hat als Verb das reflexive ’sich erinnern‘.

Das Nomen Gedächtnis dagegen kein Verb, höchstens das für spezielle Situationen reservierte ‚gedenken‘.

Die Negation des Verbes ist das ’nicht vergessen‘, welches für beide genannten Nomen Gültigkeit hat.

Das Nomen ‚Vergessen‘ ist gleich dem Infinitiv, damit nah am Verb und besitzt keinen Plural. Eine Neuerung in der Sprache ist das Nomen ‚Vergessen-heit‘, das durch Hilfspartikel auch ein Verb haben kann: ‚in Vergessenheit geraten‘.

Das Adjektiv ist ‚vergesslich‘, welches auch zu einem Nomen gebildet werden kann: ‚Vergesslichkeit‘. Altdeutsch wäre hier ‚vergeßsam‘.

Das Reflexiv von vergessen ist ’sich vergessen‘, mit einer durch die Moral negative Bedeutung: pflichtvergessen, ehrvergessen, gottvergessen. Eine Umänderung dieses Reflexives ist allerdings ’selbstvergessen‘, dessen Nomen ‚Selbstvergessenheit‘ sowohl positiv als auch negativ sein kann.

Schließlich gibt es auch ein Abstraktum, den ‚Vergesser‘, das aber kaum benutzt wird.

e) Modalisierung

Durch ein Modalverb sowie den Infinitiv lässt sich eine große Spannbreite von Abstufungen des Vergessens vom negativen zum positiven bilden.

f) Neuheiten

Neu in der Sprache ist der Ausdruck ‚das kannst du vergessen‘ von englisch ‚forget it‘. Es kann sowohl herablassend genutzt werden als auch positiv, nämlich als ‚erlaubtes Vergessen‘, welches die Seele entlastet.

g) Latein

Latein hat das Wort ‚oblivisci‘ als Verb des Vergessens. Es ist ein Deponens, ein Medium zwischem aktivem (semantisch) und passivem (formal) Verb. Später wurde es umgangssprachlich nur noch aktiv genutzt, als Neubildung des alten Partizip Perfektus ‚oblitus‘, welches iterativ ist.

h) Altgriechisch

Die Griechen kannten das Wort aletheia, ‚Unverdecktes‘, die Wahrheit. Darin stecken das Präfix a- als Negation sowie das Wort -leth-, das Verdeckte. Leth steckt ebenso in Lethe, dem Strom des Vergessens.

i) Metaphern

Metaphern zum Vergessen haben stets mit dem Gedächtnis zu tun. Es gibt verschiedene Bereiche, z.B. Landschaft: die ‚Einöde‘, wo man etwas ‚verscharrt‘; Gebäude: mit Abgründen, Kellern, Brunnen; Löchern, in die man ‚fällt‘. Auch Worte wie ‚dunkel‘ und ‚bewölkt‘, die teilweise aber auch positiv benutzt werden.

Ein weiterer großer Bereich an Metaphern ist der der Schreibmaterialien. Bereits seit Menschengedenken sowie der Schreibkunst gab es solche Metaphern. So ‚glättet‘ man eine Wachstafel, ‚radiert‘ etwas auf einem Papier aus, ‚löscht‘ die Tafel oder moderner etwas im Computer.

j) Lethe

Zuletzt mag noch Lethe erwähnt werden, nach welcher das Buch benannt ist. Im griechischen Glauben gab es die Göttin Mnemosyne, Mutter der Musen, Göttin des Gedächtnisses sowie ihre Schwester Lethe, Göttin der Nacht und des Vergessens. Nach ihr wurde der mythische Strom Lethe benannt, dessen Wasser allen Vergessen bescheren. Je nach Ansicht ist es das Vergessen um wiedergeboren werden zu können, der Strafsee oder der Erleichterungsfluss. Diese werden im nächsten Abschnitt erläutert.

3. Mnemotechnik und Lethe 2

Simonides (ca. 557 – 467 v. Chr.) gilt als Begründer der Mnemotechnik und war für sein gutes Gedächtnis berühmt. Sein bildliches Gedächtnis half bei der Identifizierung der Toten des Festes zu Ehren von Skopas. Während Simonides die Technik einfach nur benutzte, machten Cicero und Quintilian eine Kunst daraus. Die Mnemotechnik ist eine Raumkunst, eine Topik, in der Orte gemerkt und zu Bildern verwandelt werden.

Themistokles (ca. 524 – 459 v. Chr.) dagegen, ein Zeitgenosse Simonides, wollte nur vergessen. Er besaß ein Gedächtnis, das nie vergessen wollte, was ihm zwar half aber auch viel Pein brachte. Später lehnte Umberto Eco die These ab, dass eine Vergessenskunst möglich sei.

4. Die Verlockungen des Vergessens. 3

Homer (8. Jh. v. Chr.) erzählte in seiner Odyssee von den Gefahren, die durch das Vergessen für Odysseus entstanden. So trafen sie die Lotophagen, die Lotos-Esser, die ihnen wohl gesinnt waren, bei denen man aber seine Heimat und Ziele vergaß. Später wurde Odysseus vergaß Odysses durch die Liebe zu Circe es ebenso.

Hesiod (8. Jh. v. Chr.) dann stellte Mnemosyne und Lethe direkt gegenüber: „Vom Vergessen ist Heil und Heilung vor allem dann erwünscht, wenn Leid und Schmerzen einen Sterblichen bedrängen.“4

Auch sah man schon an diesen Beispielen verschiedene Arten von Drogen: denen für das Gedächtnis und denen gegen das Gedächtnis, wie z.B. dem Alkohol, dessen Vergessen schon viele gesucht haben.

5. Liebesschmerzen vergessen 5

Ovid (43 v. Chr. – 17 n. Chr.) schrieb seine ‚remedia amoris‘, welche erklärte wie eine vergangene und schmerzhafte Liebe zu vergessen sei. Das Vergessen ist hierbei eine Heilkunst, wie von Hesiod geschildert. Zunächst solle man sein Gedächtnis benutzen, nämlich sich an die vergangene Liebe erinnern. Dann soll man bei ihr alle Fehler finden und sie hassen. Danach kommt das Vergessen. Als Hilfe hierzu sämtliche Erinnerungen entfernen, wie Bilder, Briefe, Orte an denen man war. Lieber verreise, doch bloß nicht allein. Letztlich solle man sich neu verlieben. Die Idee hierbei ist, dass wer langsam vergisst, dafür um so dauerhafter vergisst.

6. Die Transzendenz. 6

Platon (428 – 347 v. Chr.) nahm eine vorgeburtliche Erinnerung an. Bei der Geburt würde man dies alles vergessen. Man behielte aber latentes Wissen bei, welches man durch ‚Wiederinnern‘ sich zurück holen könne.7 Zu dem sogenannten sekundären Vergessen dagegen machte er kaum Angaben, lediglich, dass das schriftliche Gedächtnis zu verdammen sei.

Augustinus (354 – 430) nahm an, dass Wohlstand die Frömmigkeit vergessen lässt. Er sah das Juden- und Christentum als eine gemeinsame Gedächtnisreligion an, welche er wieder einen wollte. Weiterhin sagte er, dass der Mensch zwar vergisst, Gott dagegen nie. Außerdem könne man sich immerhin erinnern, dass man etwas vergessen habe.

7. Angewandte Mnemotechnik 8

Dante Alighieri (1265 – 1321) unternahm in seiner ‚comedia divina‘ eine Jenseitsreise als Gedächtnismann und baute damit ein angewandtes Gedächtniskunstwerk. Denn wie erwähnt merkt sich die Mnemotechnik etws in Orten und Symbolen, und genau das tat Dante: Sein Konstruktion des Jenseits ruft jeden der dort angetroffenen zurück ins Gedächtnis, auf das sie nicht vergessen werden. Die schlimmste Strafe ist nämlich die Verdammung des Gedächtnisses, die Auslöschung der Erinnerung an jemanden. So, wie es in der Geschichte der Menschheit oft versucht wurde.

Auch erwähnt er am Ende, vor dem Paradiso, die beiden Flüsse Lethe, welcher einem das Gedächtnis der Sünde nimmt, sowie Eunoe, welcher einem ein gutes Gedächtnis gibt, das Gute zu erinnern.

8. Schluss

In seinem Buch hielt Weinrich bei Dante nicht an, doch ist dies das Ende der Klassiker. Es sollte nur kurz gezeigt werden, wofür ein Vergessen erstrebenswert sein könnte und dass es nicht nur um das Erinnern geht.

9. Literatur

Weinrich, Harald: Lethe – Kunst und Kritik des Vergessens. München: C.H. Beck 2000³.

1Vgl. Weinrich, Harald: Lethe – Kunst und Kritik des Vergessens. München: C.H. Beck 2000³. S. 11ff.

2Vgl. Ebd., S. 21ff.

3Vgl. Ebd., S. 26ff.

4Ebd., S. 29.

5Vgl. Ebd., S. 30ff.

6Vgl. Ebd., S. 34ff.

7Wenn das nicht an Freud erinnert.

8Vgl. Ebd., S. 40ff.

10. PDF

Diesen Artikel gibt es auch als PDF zum downloaden und ausdrucken.

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