Grundbegriffe der Philosophie Nietzsches.

Das Ganze als Buch, unten der Text.

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 2

2. Das Dionysische und Apollinische sowie der Rausch. 3

3. Der Übermensch: des Menschen Ziel. 6

4. Askese und asketische Ideale: die Krankheit des Menschen. 7

5. Leib und Wissen: Wissen vor dem Wissen. 10

6. Natur und Kultur: das Leben. 12

7. Der Wille zu Macht: der Wille des Übermenschen zum Leben. 13

8. Die ewige Wiederkehr des Gleichen: zurück zum Anfang. 14

9. Schluss 15

10. Literatur. 16

1. Einleitung

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) war klassischer Philologe und vor allem Philosoph bis zu seinen letzten Jahren im Wahnsinn. Bekannt ist er für seine Kritiken an Kultur, Moral, Religion, Wissenschaft und Kunst und für von ihm geformte Begriffe wie den Übermenschen und dem Willen zur Macht. Besonders ersteres wurde aber auch von Ideologien wie dem Nationalsozialismus benutzt und verfälscht.1

Dieser Abhandlung nun soll Nietzsches Philosophie in Grundzügen vorstellen sowie einige wichtige Grundbegriffe erläutern: Das Begriffspaar des Apollinisch-Dionysischen als Grundlage des Künstlers und Menschen, seine Möglichkeit zur Befreiung von sich selbst; der Übermensch als Ziel der Menschengattung; die asketischen Ideale als hindernde Krankheit des Menschen; der Leib als das, was zum Übermenschen drängt; die Natur als lebende Kultur; der Wille zur Macht als Wille zum Übermenschen; sowie die Ewige Wiederkehr des gleichen.

2. Das Dionysische und Apollinische sowie der Rausch.

Der Rausch ist das, was der Künstler, was das Genie braucht um sich ausdrücken, ausleben zu können. Erst der Rausch ermöglicht ästhetisches Tun und Kunst. Laut Nietzsche ist der Rausch der Geschlechtserregung der älteste; am stärksten ist der Rausch bei Affekten sowie einem starken Willen2 Der Rausch ist ein Gefühl der Kraftsteigerung, der Fülle.3 Nietzsche unterscheidet nun aber zwischen zwei Arten von Rausch: a) Der Apollinische Rausch kommt vom Gott Apoll. Er spricht das Auge an, gibt Visionen, ist der Rausch der Maler und Schreiber. b) Der Dionysische Rausch erregt das Affekt-System, ist der Rausch des Darstellens, Nachstellens, Verwandelns. Dazugehörig sind Musik und Tanz.4 Ein Gegenstück zu den Rausch-Affektierten ist dagegen zum Beispiel der Architekt: Er ist keins von beidem sondern ein gewaltiger Willensakt; der Wille zur Macht, der Sieg über die Schwere, der keine Bestätigung mehr braucht sondern schon ist.5 Das Begriffspaar des Apollinisch-Dionysischen hat Nietzsche von Schelling.6

In der Kunst ist der Apollinische das Bild, der Dionysische die Musik, welche durch den Willen vereint werden. Das Ergebnis ist ein Traum, ein schöner Schein, der in seiner höchsten Form nicht als solcher erkennbar ist. Nur der Philosoph sieht die wahre Wirklichkeit hinter dem Schein. Für Apollo ist der Traum notwendig und wahrsagend.7 Dionysus dagegen ist ein Grausen; erfährt man dabei Entzückung, so ist man im Rausch. Dies ist das glühende Leben, welche die Entfremdung zwischen Mensch und Natur beendet, wenn alle eins werden und singen und tanzen.8

Kunst ist nun aber nach Nietzsche nicht nur Menschenwerk: Es gibt auch künstliche Mächte, die aus der Natur herausbrechen, ohne vom Menschen vermittelt zu werden. Das eine ist die Bildwelt des Traumes, das andere der oben genannte Rausch der Wirklichkeit, welcher das Individuum vernichtet.9 Um das Ganze bildhafter darzustellen, führt Nietzsche die alten Griechen an, die laut ihm als einzige wahrhaft dionysisch sein konnten; bei allen anderen Völkern dagegen seien es bloß sexuelle Feste gewesen, gegen die Apollo aber die Griechen schützte. Hieran sieht man, dass beide Mächte Hand in Hand gehen müssen, um einen wahrhaft nietzscheanischen Rausch zu erzeugen. So sei z.B. Musik, die apollinisch sei, nur bloß Architektur10, derweil Nietzsche zu dieser Zeit noch das Ideal in der Musik Wagners sah.

Warum aber wird der Rausch überhaupt benötigt? Laut Nietzsche schuf der Sinn der Menschen die Götter. Ihr Dasein sei voller Schrecken und das Nichtsein anstrebsamer. Um doch leben zu können brauchte es Götter, die die Freude ‚vorleben‘ als Ideal. Dies ist ein verdeckender Wahn, den die Menschen anstreben.11 Der Traum wiederum ist ein Schein des Scheins, was für Nietzsche darum eine Art höhere Realität darstellt, da auch unsere Realität schon nur Schein ist. Doch dieser Traum funktioniert nicht ohne Dionysus, denn sonst würde das Individuum isoliert werden. Erst der Rausch hebt es auf.12

Laut Volker Caysa kann das dionysisch-Apollinische in der Kultur auch hässlich und disharmonisch sein. Beide Arten stehen aber grundsätzlich in Wechselbeziehungen. Hierbei ist die Zivilisation nach Nietzsche eine Art Verfall, da sie das Dionysische zähmt. Kann man jedoch, wie die Griechen es konnten, seine echten Bedürfnisse finden und nichts einschränken, dann können beide Formen nebeneinander existieren.13 So erst wird Kultur, welche die Natur im Spannungsfeld von Dionysischen und Apollinischen ist.14 Caysa beschreibt beide Arten als die zwei Triebe der Kunst: Das eine maßvolle Begrenzung, das andere der selbstvergessene Rausch, wobei das zweite jedoch durch den ersten vermittelt und entschärft wird.15 Der Rausch erst ermöglicht die Kunst, damit die Kultur und damit den Übermenschen. Allerdings kann die Ekstase auch zur Sucht werden, weshalb sie von Phasen der Normalität durchbrochen werden muss.16 Rausch ermöglicht das Körpererleben, hebt Sein und Bewusstsein auf. Im Rausch schafft man über sich hinaus. Er macht empfindlicher, die Wahrnehmung ist auf nur noch ein Ziel gerichtet.17 Den Rausch kann man nur erfahren, wenn man sich ihm hingibt, was rational nicht möglich ist. Er ist dem Wahnsinn ähnlich: man vergisst sich selbst und kann Grenzleistungen vollbringen. Die Ekstase ist hierbei Höhepunkt und Grenze des Ganzen, wenn das Selbst ein Nichts ist und der Körper von allein handelt, was natürlich die Gefahr des Kontrollverlustes birgt. Sollte man davon süchtig werden, so ist dies eine Krankheit zum Tode.18

Zusammengefasst: Das Dionysische ist der ursprünglich überschwängliche Rausch und Trieb, das Apollinische seine Zucht. Beide zusammen treiben zur Spitze von Kultur und Kunst.

3. Der Übermensch: des Menschen Ziel.

Nun zu Nietzsches Idealvorstellung des Menschen: dem Übermensch. Dieser ist kein Mensch, der über anderen steht19, sondern ein Mensch, der die Gattung Mensch sowie sich selber überwindet, über sich hinausschafft durch seinen Willen zur Macht. Jedoch stellt der Übermensch nach Nietzsche trotzdem eine Art besseren Menschen dar. Er sagt, was der Affe für den Menschen ist, ist der Mensch für den Übermenschen: nur ein Übergang. Die Seele des Menschen ist Schmutz und Armut, welche der Übermensch überwinden kann, ebenso wie überflüssige Eigenschaften wie Tugend, Glück, Vernunft, Gerechtigkeit sowie Mitleid. Im Übermenschen opfert sich der Mensch um sich selber zu vergessen und frei zu sein, ähnlich wie im Rausch. Der Mensch existiert nur, um den Übermenschen zu erzeugen und wer diesen sucht, braucht Gefährten, die genauso glauben und ihn auch wollen.20

Als Gegenstück zum Übermenschen nennt Nietzsche den ‚letzten Menschen‘: Dieser ist am meisten zu verachten, denn er kann nicht einmal verachten, kann sich nicht selber überwinden. Er meint sich glücklich, hat Krankheit und Misstrauen hinter sich gelassen, arbeitet nur noch zur Unterhaltung, braucht keine Regierung, kennt keine Armut. Alle letzten Menschen sich untereinander gleich und ‚gebildet‘.21 Kurz gesagt: Der letzte Mensch ist der moderne Mensch, das Ideal aller modernen Gesellschaft.

4. Askese und asketische Ideale: die Krankheit des Menschen.

Unter Askese versteht man im allgemeinen den Verzicht auf sinnliche und weltliche Genüsse und oft Zurückgezogenheit, um sich ganz spiritueller Erkenntnis widmen zu können. Auch Nietzsche kannte diese Auffassung; ihm war die Askese zutiefst verhasst und Auswuchs einer kranken Spezies. Warum, wollen wir hier sehen.

Zunächst einmal braucht der Charakter eines Menschen nach Nietzsche Stil, was soviel heißt, wie: Stärken sowie Schwächen gut darstellen und einen künstlerischen Plan einfügen. Der Mensch muss letztlich mit sich selber zufrieden sein können. Wer jedoch unzufrieden ist, lässt es an seinen Mitmenschen aus22, womit wir bei der Askese wären. Den asketischen Idealen widmete Nietzsche in seiner Genealogie der Moral ein komplettes Drittel, in welcher er untersucht, was asketische Ideale bedeuten.

Er beginnt damit zu erzählen, dass Menschen ein Ziel im Leben brauchen und eher das Nichts wollen als nichts zu wollen.23 Das Nichts wäre hier die Askese. Oft ist der Mensch aber nicht das, was er vorgibt zu sein24, was auch auf die Asketen zutrifft. Philosophen sind nach Nietzsche gegen die Sinnlichkeit. Sie streben nach einem Zustand der Kraft und Macht, wo Dinge wie eine Ehe nur ein Hindernis wären. Oft leben sie also, ob nun beabsichtigt oder nicht, nach asketischen Idealen: Armut, Demut und Keuschheit. Die mächtige Geistigkeit der Philosophen überwältigte ihre Triebe, was sie in die Askese brachte. Sie ziehen sich zurück, dorthin, wo man nicht auffällt, weg vom Alltag. Sie reden leise, sind sich ihrer aber gewiss. Nun dreht Nietzsche dies aber um, wenn er sagt, dass erst durch die Askese die Philosophen entstanden.25 Seine Kritik an der Askese ist also eine Kritik an den Philosophen.

Die nächste These ist, Nietzsche folgend, dass Kranksein lehrreich ist, lehrreicher als gesund sein. Seine Beschreibung nach vergewaltigen wir uns (geistig) selber, um zu lernen. Erst wenn man durch die Hölle gegangen ist, findet man den Himmel. Deshalb waren die ersten Philosophen Asketen. Man nannte sie Priester oder Zauberer.26 Der echte Philosoph dagegen bräuchte Stolz, Tapferkeit, Selbstgenuss und Freiheit. Die asketischen Priester dagegen sahen das Leben als Irrsinn und wollte es loswerden, waren also lebensfeindlich. Die Leiblichkeit ernannten sie zur Illusion, welche in der Vernunft aufging. Doch ihr Intellekt war Nietzsche zufolge kastriert, denn es fehlten der Wille und die Affekte.27

Nicht leben zu wollen würde laut Nietzsche gar nicht gehen, weshalb er die asketischen Ideale als einen Heilinstinkt des degenerierten Lebens beschreibt, ein Kunstgriff zur Selbsterhaltung. Der Wunsch des kranken Menschen sterben zu wollen hält ihn schon allein am Leben und lässt ihn für bessere Umstände sorgen. Wenn aber der Mensch Ekel vor sich selber hat, ist das das Schlimmste, was möglich wäre, denn es führt zum Nihilismus. Die Kranken tun nun so als seien sie gesund und leben unter den Menschen, sind den Gesunden wandelnde Vorwürfe. So üben sie ihre Rache an ihnen, indem sie ein schlechtes Gewissen verursachen. Deshalb fordert Nietzsche, dass die Gesunden von den Kranken getrennt sind und kein Mitleid mit den Schwachen haben.28

Um die Kranken heilen zu können bräuchte es ebenso kranke Heiler: die asketischen Priester. Diese sind Hirten und Herren der Kranken und ebenso krank, doch haben noch den Willen zur Macht. Ihre Aufgabe ist es, die kranke Herde von Innen aufzulösen, indem sie sie vergiften. Ihre Affekte lösen sie, indem sie sagten, dass jemand an all dem Schuld ist – doch dies sind nicht die anderen, sondern die Kranken selbst. Damit die Kranken aber erst in einer Herde zusammenkommen, scheucht der Priester sie dort zusammen, durch Institutionen wie die Kirche. Allerdings bekämpfen die asketischen Priester damit nur die Symptome laut Nietzsche und besiegen nicht die Krankheit selbst. Andere Mittel diese Symptome loszuwerden seien z.B. Tätigkeiten die ablenken oder das Machen von kleinen Freuden, welche den Schenkenden sich überlegen fühlen lassen.Die asketischen Priester wandeln die Schuldgefühle der kranken Menschen um in Sünde, in Strafe. Damit werden die Kranken dann zu Sündern. Damit wurde der Mensch ‚verbessert‘, in den Augen von Nietzsche verweichlicht, was schlimme Folgen für die gesamte Menschheit hätte. Der asketische Priester verdarb die seelische Gesundheit und den Geschmack. Doch sie haben einen Willen und ein Ziel: die Macht.29

Nun sucht Nietzsche das Gegenstück zu dem Einfluss der asketischen Ideale. Die Wissenschaft sei es nicht, sie ist vielmehr nur eine Form der asketischen Ideale, das kein eigenes Ideal mehr hat sondern die Welt nur beobachtet.30 Die Philosophie denkt sich als ihr Gegenstück doch ist ebenfalls nur ihre Tochter. Die Wissenschaft ist laut Nietzsche eine Verarmung des Lebens, die alles aufdecken will und damit ins Nichts führt, bis der Mensch sich selber verachtet. Die einzigen Feinde des asketischen Ideals, so schließt Nietzsche, sind diejenigen, die sich darüber lustig machen, da sie Misstrauen an diesen Idealen wecken. Letztlich aber hatte der Mensch stets nur die Ideale und weiterhin fehlt etwas.31

Nach Nietzsche waren die asketischen Ideale also ein Übel, das die Menschen verblendete und zu falschem Glauben führte. Erst wenn sie überwunden werden, kann man zum Übermenschen finden.

5. Leib und Wissen: Wissen vor dem Wissen.

Laut Nietzsche kommt zuerst der Leib, dann erst der Verstand. Dies soll hier dargestellt werden.

Der Leib ist eine große Vernunft. Der Geist, die kleine Vernunft, ist nur ihr Werkzeug. Der Leib ist das Selbst, welches das Ich beherrscht durch Emotionen. Sein Lebensziel ist es, über sich hinauszuschaffen, zum Übermenschen zu werden.32 Demzufolge darf man erst ein Kind bekommen, wenn man sich selber besiegt hat und seine Tugenden beherrscht; nicht aber aus Notdurft. Das Kind soll ein lebendes Denkmal werden, nachdem der Erzeuger sich erst richtig geformt hat, sich einen höheren Leib gegeben hat. Zusammen mit einer weiteren Person, die dies auch tat, soll dann ein höheres Wesen geschaffen werden.33

Ein kranker Leib lässt den Geist unbewusst auf seine Bedürfnisse zusteuern, z.B. Sonne und Stille. Damit inspiriert er die Philosophie der Person, welche eine missverstandene Auslegung der Leibes ist. Philosophie ist also nicht Wahrheit, sondern Gesundheit, Macht und Leben. Wer viele Gesundheiten und Krankheiten durchlebte, hatte laut Nietzsche auch viele Philosophien. Die Seele ist vom Leib nicht trennbar. Schmerzen zwingen den Geist sich in Herrschaft über sich zu üben, welches ihn in einen neuen Menschen verwandelt.34

Caysa zufolge unterscheidet Nietzsche zwischen Leib und Körper. Leib ist ‚leibend‘, Grund des Lebendigseins, Grund des Ichs und davon unabhängiges Selbst. Man kann es (dieses Leiben) nicht wissen, aber es ist Grundlage des Wissens. Das Bewusstsein ist nur ein Randphänomen. Der Leib ist noch ungeschaffene Natur, der lebendige Körper, der nicht verfügbar, bewusstlos und vorbegrifflich ist. Sein Gegenstück ist der Körper, der objektiv und verfügbar ist, eine Arbeitsmaschine, die wir formen.35 Während Heidegger den nietzscheanischen Leib aber nun nur als Trieb, Begehren und Emotionen charakterisierte, sei er laut Caysa bei Nietzsche selbst auf keinen bloß so ‚dionysisch‘. Denn bloß dionysisch sein heißt ein geistloses Tier zu sein. Er stellt die Dichotomien auf: Leib und Körper, Selbst und Ich, große und kleine Vernunft. Sein Fazit ist, dass der Leib sich vom Ich befreien muss ohne es zu zerstören, denn das Ich ist sein Werkzeug.36

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass der Leib vor dem Geist da war und dieser nur ein Werkzeug des Leibes ist. Der Leib ist auch das, was zum Übermenschen treibt.

6. Natur und Kultur: das Leben.

Was ist für Nietzsche wohl die Natur? Bei dem Spruch ‚Zurück zur Natur‘ dachte er an ein Hinaufsteigen zu einer höheren, freieren Natur. In ihr gibt es keine Moral, die nur das Mittelmäßige zu etwas überreden will.37 Ihm zufolge hätten alle die Natur bloß falsch aufgefasst, denn die Natur ist verschwenderisch, gleichgültig, ohne Absicht, Erbarmen oder Gerechtigkeit; fruchtbar und öde zugleich. Leben heißt dagegen anders als die Natur sein zu wollen. Der Stolz des Menschen allein will der Natur ihr Ideal, die Moral, aufdrängen, die Natur so falsch sehen. Letztlich aber darf man nicht vergessen, dass auch wir Menschen nur Natur sind.38

Nietzsche zufolge muss der Mensch immer noch lernen überhaupt leben zu können. In seiner damaligen Zeit sah er in Deutschland keine Kultur, keine Bildung, nur ein Wissen um Bildung. Kultur entsteht erst aus dem Leben, während man sie sich in Deutschland nur ‚ansteckte‘. Die Menschen wurden zu einer Bildung erzogen ohne sie selber zu lernen, was widernatürlich sei. Das aber könnte nur die Jugend sehen, welche Nietzsche als Erlösung der Menschheit betrachtete. Sie würden selbst erfahren wollen, würden aber schnell enttäuscht und dürften nur abgucken. Eine erste Generation müsste erzogen werden dies alles zu wissen, damit ihre Jugend dann wirklich leben kann.39 Um zu leben können müssen sie dann aber auch die Historie richtig nutzen können, was die Menschen seiner Zeit laut Nietzsche nicht konnten. Abschließend sagt er, um leben zu können muss man erkennen, sich erkennen, sich organisieren, seine Bedürfnisse erkennen und – nicht bloß nachahmen.40

Zusammengefasst: Der Mensch sollte (oder will) weg von der Natur, die nur Chaos ist. Das Leben ist Kultur, doch entsteht diese nur, wenn man lebt und nicht bloß ein Leben aufgedrückt bekommt.

7. Der Wille zu Macht: der Wille des Übermenschen zum Leben.

Was ist es, das den Menschen zum Übermenschen zieht?

Laut Nietzsche ist der Selbsterhaltungstrieb Grundlage jedes organischen Wesens. Gleichzeitig will es seine Kraft an anderem Lebendigem auslassen. Leben ist der Wille zur Macht, wie schon erwähnt. Davon ist die Selbsterhaltung eine Folge.41 Nietzsche sah hierbei auch eine Art geschichtlicher Abfolge: Barbaren streben zur Macht. Haben sie sie und wurden sie zu Aristokraten, kommen die nächsten Barbaren, welche Macht wollen, sie überfallen und – eine neue Aristokratie bauen. Eine stabile ‚gerechte‘ Gesellschaft, in der niemanden jemanden anderen ausbeutet sei möglich, doch nur bei gleichem Willen, gleicher Stärke. Dies kann aber keine Grundlage für eine Gesellschaft sein, gäbe es dann doch ein stetiges Ringen und die Gesellschaft würde sich auflösen. Leben ist stetige Aneignung, Verletzung, Unterdrückung, Aufzwängung des Willens, Ausbeutung. Anders würde es nach Nietzsches Meinung nicht gehen. Und auch eine Gesellschaft braucht einen Willen zur Macht, muss wachsen und erobern wollen.42

Gut sei Nietzsche zufolge, was den Willen zur Macht erhöht, schlecht, was aus der Schwäche kommt. Glück ist die wachsende Macht und die Überwindung von Widerstand. Da die Schwachen zugrunde gehen müssten ist Mitleid schlecht, und damit das ganze Christentum. Es sei ein höherer Mensch zu züchten, der auch am meisten gefürchtet werden wird, der Übermensch. Die Christen aber würden den Übermenschen als etwas schlechtes darstellen, damit die Wehrte umkehren. Laut Nietzsche ist aber gerade die sogenannte Tugend das schlimme, dekadente. Ohne einen Willen zur Macht ist man zum Untergang verdammt. Mitleid macht nur depressiv, ist das Gegenteil der Selektion, verneint das Leben und steigert bloß das Elend. Die asketischen Ideale hätten mehr Schaden angerichtet als die sogenannten Laster. Der Glaube verschließt bloß die Augen vor der Wahrheit – und greifen diese blinden Theologen zur Macht, ist das der sogenannte nihilistische Wille zur Macht.43

Der Wille zur Macht ist also der Wille zum Leben, der egoistische Wille, der nicht vor Opfern zurückschreckt. Dies ist einer der Punkte, an dem man am stärksten kritisierte.

8. Die ewige Wiederkehr des Gleichen: zurück zum Anfang.

Nietzsche hatte eine fast schon mystische Einstellung als er sagte, dass alles immer wieder geschieht. Das Leben kehrt immer wieder, alles wird genau gleich erneut erleben. Die Frage, die sich einem dabei aber stellen sollte, ist, ob man bei diesem Gedanken Angst oder Freude verspürt. Ist es die Angst, muss man sein Leben verbessern, bis man nur noch Freude daran hätte.44 Alles im Leben kommt wieder, der Pfad der Ewigkeit ist krumm. Böses ist nötig, damit Gutes entsteht und auch dieses kehrt ewig wieder. Jeder von uns war schon ewige Male da. Beim sogenannten großen Jahr der Wiederkehr dreht sich alles um und beginnt von neuem. Zwar ist die Seele sterblich und vergeht, doch kehrt sie wieder und ist auf diese Art unsterblich.45

Zu Beginn seines Wahnsinns schrieb Nietzsche bekanntlich noch einige kürzere Bücher, unter anderem seine einzige eigene Biographie. Dort schildert er auch, dass sein Wille zur Gesundheit und zum Leben seine Philosophie gewesen sei und dass er nur einen Einwand gegen das Konzept der Ewigen Wiederkehr hätte: seine Mutter und Schwester. Er meint, dass Verwandtschaft nur im Geist existiert und meist einem die Eltern die wenigsten verwandten sind. Höhere Naturen wie die seine hätten einen unendlich fernen Ursprung. Diese große Individuen seien am ältesten und er vermutet Cäsar oder Alexander als seinen Vater.46

9. Schluss

Wir sahen nun einige Begriffe aus Nietzsches Philosophie und hoffen, dass mit diesem Wissen nun a) seine eigenen Werke und deren Zusammenhänge sowie b) Diskussionen um Nietzsche besser verständlich sind.

Nietzsche forderte, dass der Mensch lebt, wie es seine Natur, sein Leib verlangt. Dazu gehören das Umformen zum Übermenschen und das Ausleben des Willens zur Macht, Überwindung der alten asketischen Ideale, welche die Menschheit in ihrem Elend binden.

Auch wenn Nietzsche explizit gegen Nationalismus und Antisemitismus war, wurden seine Ideen des Übermenschen und der Wille zur Macht von den Nationalsozialisten ausgenutzt und fortan von seinen Nachkommen verdammt. Tatsächlich machte Nietzsche keinen Unterschied zwischen Dingen wie Rassen und Nationalitäten, doch forderte er sehr wohl, kein Mitleid mit den Schwachen zu zeigen. Beide negativen sowie zahlreiche positiven Lesarten zog Nietzsche nach sich.

10. Literatur.

  • Caysa, Volker: Körperutopien. Eine philosophische Anthropologie des Sports. Frankfurt: Campus 2003.
  • Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Köln: Anaconda 2005.
  • Nietzsche, Friedrich: Der Antichrist. KSA6. Berlin/München: De Gruyter/dtv 1988, 2. Auflage.
  • Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft. KSA 3, Berlin/München: De Gruyter/dtv 1988, 2. Auflage.
  • Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie. Frankfurt/Leipzig: Insel 2000.
  • Nietzsche, Friedrich: Die Genealogie der Moral. KSA 5, Berlin/München: De Gruyter/dtv 2009, 10. Auflage.
  • Nietzsche, Friedrich: Ecce homo. KSA6. Berlin/München: De Gruyter/dtv 1988, 2. Auflage.
  • Nietzsche, Friedrich: Götzen-Dämmerung. Stuttgart: A. Kröner 1954.
  • Nietzsche, Friedrich: Götzendämmerung. KSA6. Berlin/München: De Gruyter/dtv 1988, 2. Auflage.
  • Nietzsche, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse. KSA5. Berlin/München: De Gruyter/dtv 2009, 10. Auflage.
  • Nietzsche, Friedrich: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Leipzig: Reclam, ungefähr 1931.
  • Seite „Apollinisch-dionysisch“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Februar 2009, 19:48 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Apollinisch-dionysisch&oldid=56840246 (Abgerufen: 4. Juni 2009, 07:15 UTC) .
  • Seite „Friedrich Nietzsche“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 28. Mai 2009, 17:41 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Friedrich_Nietzsche&oldid=60531344 (Abgerufen: 3. Juni 2009, 13:08 UTC).

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Fußnoten:

1Vgl. Seite „Friedrich Nietzsche“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 28. Mai 2009, 17:41 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Friedrich_Nietzsche&oldid=60531344 (Abgerufen: 3. Juni 2009, 13:08 UTC)

2Vgl. den Willen zur Macht unten.

3Vgl. Nietzsche, Friedrich: Götzen-Dämmerung. Stuttgart: A. Kröner 1954, S. 135.

4Vgl. ebd., S. 136f.

5Vgl. ebd., S. 137f.

6Vgl. Seite „Apollinisch-dionysisch“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Februar 2009, 19:48 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Apollinisch-dionysisch&oldid=56840246 (Abgerufen: 4. Juni 2009, 07:15 UTC)

7Vgl. Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie. Frankfurt/Leipzig: Insel 2000, S. 27ff.

8Vgl. ebd., S. 31f.

9Vgl. ebd., S. 33ff.

10Vgl. ebd., S. 35ff.

11Vgl. ebd., S. 37ff.

12Vgl. ebd., S. 42ff.

13Vgl. Caysa, Volker: Körperutopien. Eine philosophische Anthropologie des Sports. Frankfurt: Campus 2003, S. 84ff.

14Vgl. ebd., S. 88.

15Vgl. ebd., S. 95f.

16Vgl. ebd., S. 99ff.

17Vgl. ebd., S. 108ff.

18Vgl. ebd., S. 114ff.

19Wie es die Nationalsozialisten für sich interpretiert hatten.

20Vgl. Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Köln: Anaconda 2005, S. 7ff.

21Vgl. ebd., S. 10ff.

22Vgl. Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft. KSA 3, Berlin/München: De Gruyter/dtv 1988, 2. Auflage, S. 530f.

23Vgl. Nietzsche, Friedrich: Die Genealogie der Moral. KSA 5, Berlin/München: De Gruyter/dtv 2009, 10. Auflage, S. 339.

24Vgl. ebd., S. 343.

25Vgl. ebd., S. 350ff.

26Vgl. ebd., S. 358ff.

27Vgl. ebd., S. 361ff.

28Vgl. ebd., S. 365ff.

29Vgl. ebd., S. 372ff.

30Vgl. ebd., S. 396f.

31Vgl. ebd., S. 398ff.

32Vgl. Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Köln: Anaconda 2005, S. 24f.

33Vgl. ebd., S. 52f.

34Vgl. Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft. KSA3. Berlin/München: De Gruyter/dtv 1988, 2. Auflage, S. 348ff.

35Vgl. Caysa, a.a.O., S. 44ff.

36Vgl. 47ff.

37Vgl. Nietzsche, Friedrich: Götzendämmerung. KSA6. Berlin/München: De Gruyter/dtv 1988, 2. Auflage, S. 150f.

38Vgl. Nietzsche, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse. KSA5. Berlin/München: De Gruyter/dtv 2009, 10. Auflage, S. 21f.

39Vgl. Nietzsche, Friedrich: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Leipzig: Reclam, ungefähr 1931, S. 95ff.

40Vgl. ebd., S. 99ff.

41Vgl. Nietzsche, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse. KSA5. Berlin/München: De Gruyter/dtv 2009, 10. Auflage, S. 27.

42Vgl. ebd., S. 205ff.

43Vgl. Nietzsche, Friedrich: Der Antichrist. KSA6. Berlin/München: De Gruyter/dtv 1988, 2. Auflage, S. 170ff.

44Vgl. Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft. KSA3. Berlin/München: De Gruyter/dtv 1988, 2. Auflage, S. 570.

45Vgl. Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Köln: Anaconda 2005, S. 166ff.

46Vgl. Nietzsche, Friedrich: Ecce homo. KSA6. Berlin/München: De Gruyter/dtv 1988, 2. Auflage, S. 264ff.