Martin Buber: Beziehung und Menschwerden im Dialog.

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1. Einleitung

Martin Buber (1878 – 1965) war Philosoph mit einem starken Bezug zu Religion und Judentum. Bei Beginn der Naziherrschaft floh er nach Israel, wo er unter anderem an den Kibbuz mitwirkte. Auch war er ein Freund des den Nazis leider nicht entronnenen Anarchisten Gustav Landauer. Buber war zwar kein Anhänger einer speziellen jüdischen Richtung, war jedoch im Denken allgemein von der jüdischen Mystik beeinflusst; dies kann man seinem Schreibstil gut entnehmen.

Mit seiner Schrift ‚Ich und Du‘ von 1923 begründete Buber den Begriff des Dialogs und die Dialogforschung, nach der der Mensch erst Mensch durch den Dialog wird. Dieser findet statt zwischen Mensch und Mensch, aber auch zwischen Mensch und Gott. Der Dialog soll erklären, wie es zwischen den Menschen sein sollte und findet die Wirklichkeit in einer geschehenden Beziehung. Der erste Teil, die Beziehung zwischen Mensch und Mensch, soll Thema dieses Artikels sein.

2. Die Grundworte und die Beziehung.

Grundlegend für das gesamte Werk ist die Annahme zweier sogenannter Grundworte, zwei Wortpaare. Ich-Du beschreibt die Beziehung zwischen zwei Subjekten, Ich-Es die zwischen Subjekt und Objekten. Die beiden Ichs sind hierbei verschieden, denn die Grundworte bilden eine Einheit. Man kann keinen Teil davon äußern, ohne es im Ganzen zu äußern. Ich sagen geht nicht, ohne auch Du oder Es zu sagen. Und erst, sobald das Grundwort gesprochen wird, ist es auch realisiert.

Sagt man Es, geht man davon aus, dass es noch andere Dinge im Universum gibt. Sagt man Du, dann ist dieses Du exklusiv. Vom Du kann man nur alles wissen, doch nichts Einzelnes. Das Du kann nicht durch Suchen gefunden werden, es kommt von Selbst, durch eine Begegnung. Und wenn man Du sagt, wird man auch Ich.

Die Welt besteht aus zahlreichen Es. Erst wenn der Mensch dieses Es konkretisiert und in eine Beziehung dazu eintritt, wird das Es zum Du. So erklärt Buber diesen Vorgang an zwei Beispielen, um das Ganze verständlicher zu machen: am Baum sowie am Menschen. Es gibt viele Bäume in der Natur. Erst wenn der Baum ausschließlich wird, stehen wir in einer Beziehung zu ihm und er wird exklusiv. Ebenso ist es beim Menschen. Das Du ist begrenzt, konkret. Sobald man jedoch anfängt, das Du zu analysieren, aufzuspalten, wird es zum Es, zu etwas anderem, und ist kein Du mehr. Wichtig hierbei ist Bubers Aussage, dass man das Du nicht einfach so erfahren kann, aber auch dann bereits in eine Beziehung zu ihm geraten kann, wenn diese einseitig sein sollte, der Andere also nicht in eine Beziehung zu uns eintritt.1

Umgekehrt wird auch ein Es zum Du. Eine Gestalt wird durch den Menschen zum Werk. Man muss hierbei das Einzelne ausblenden, um das Du ganz zu erfahren, erst dann ist die Beziehung und das Du. Sieht man z.B. nur einzelne Charaktereigenschaften, hat man kein Du erreicht. Durch die Beziehung wird das Du schließlich gegenwärtig. Und Gegenwart existiert nur, wenn es auch Gegenwärtigkeit, wenn es Beziehung gibt. Es gibt drei Arten von Beziehungen: Mensch-Natur (Ich-Es), Mensch-Mensch (Ich-Du) und den Geist, das Unbewusste. Beziehung ist ein Erwähltwerden und Erwählen. Ich und Du sind unmittelbar, es gibt zwischen ihnen keine Mittler. Beziehung ergibt sich aus Beziehungsvorgängen, sie bildet Personen. Auch Magie ist eine Beziehung, nämlich eine zu Dingen, die den Menschen erregen.

Beim Ich-Du geht es um den konkreten Menschen, nicht um irgendwelche Ideale, denn diese sind nur eine Art von Flucht. Ein Schlag gegen die Menschen, die ein Ideal lieben, es dem Menschen aufpressen und dann meinen, den Menschen zu lieben. Liebe ist auch kein Gefühl, sondern Gefühle begleiten die Liebe. Die Liebe ist zwischen Ich und Du und nicht an einem von ihnen. Liebe ist eine Verantwortung eines Ich für ein Du, dabei ist unerheblich, ob das Du auch auf das Ich reagiert. Die Liebe muss das ganze Wesen des Menschen sehen, sonst ist sie blind. So ist zum Beispiel Hass blind, denn es wird nur ein Teil eines Menschen gehasst. In der Liebe ist der Mensch einzig, unbeschaffen und nicht erfahrbar, nur gegenwärtig und berührbar.

Zuerst strebt der Mensch nach Beziehung (Vorgestalt zum Dusagen), dann erst wird Beziehung. Es ist der Trieb, sich alles zum Du zu machen. Buber nennt dies Kontakttrieb, gefolgt vom Urhebertrieb. Das Ich wird erst durch das Eingehen von Beziehungen. Der Mensch wird am Du zum Ich, durch das Ich-Du wird das Ich. Und dadurch dann erst kann auch Ich-Es werden. Es gab also noch kein Ich, welches das Es zum Du konkretisierte, sondern das Ich wird nun erst wahr.

Wer das ganze Wesen sieht und es ablehnt, lehnt das Du ab. Dieses wird dann wieder zum Nichts. Dies ist der ewige Kreislauf der Natur. Und wenn das Du beschreibbar ist, dann ist es nicht mein Du. Das Du wird zum Es, damit zum Ding und koordinierbar, die Welt wird geordnet. Doch ist dies noch keine Weltordnung. Das Es ist beständig, das Du unbeständig. Ein Es kann zum Du werden, indem man mit ihm in Beziehung tritt. Ohne das Es kann der Mensch nicht leben, aber wer nur mit Es lebt, ist kein Mensch.

Die Eswelt wird im Laufe der Zeit immer größer. Primitive haben nur eine kleine Welt und vergrößern sie durch Erfahrung. Andere Kulturen nehmen ihre Erfahrung auf und so geht es immer weiter. Jede Kultur hat eine größere Eswelt als die vorherige. Doch damit muss auch die Fähigkeit wachsen, mit ihr umzugehen. Diese Fähigkeit ist die fortschreitende Entwicklung des geistigen Lebens. Der Preis dafür ist aber die Minderung der Beziehungskraft des Menschen.

Die Antwort des Menschen an das Du ist der Geist zwischen Ich und Du, der durch Beziehung lebt und entsteht.

Gefühle ergeben noch kein persönliches Leben, Einrichtungen noch kein öffentliches Leben. Beides wird durch staatliche Eingriffe manipuliert. Man steckt Menschen zusammen und erwartet entstehende Beziehung. Doch natürlicher ist es anders herum. Denn Gefühle entstehen auch erst durch die Beziehung, wenn zwei Menschen Du zueinander sagen. Erst wenn es ein konkretes Du gibt, kann der Mensch Gefühle entwickeln, vorher war dieses Du nur ein unkonkretes Es in der Masse. Doch die Gesellschaft braucht auch das Es. Es kann nicht nur Dus geben. Doch erst wer die Beziehung kennt und um die Gegenwart des Du weiß, ist sich zu entscheiden befähigt, ist ein Mensch. Und wer sich entscheiden kann, ist frei. Die freien Menschen bedrückt der stete Wandel der Grundworte nicht. Solange er Beziehungen eingeht, solange ist er frei und schöpferisch. Der freie Mensch glaubt und begegnet, der willkürliche dagegen tut es nicht. Dieser hat keine Bestimmung, sondern nur ein Bestimmtsein von Dingen und Trieben, das er in Willkür vollzieht. Er hat keinen Willen, nur die Willkür, er wird nie konkret, er verzweckt und vermittelt seine Welt.

Das Ich wird erst durch Beziehung. Das Ich im Ich-Es ist ein Eigenwesen, ein Subjekt, dass sich von anderen abgrenzt. Das Ich im Ich-Du ist eine Person, eine Subjektivität, die anderen Personen begegnet. Durch Ich-Es setzt man sich ab, erfährt, gebraucht, lebt man. Durch Ich-Du berührt man, geht man Beziehung ein, liebt man. „Alle Wirklichkeit ist ein Wirken, an dem ich teilnehme“2, dadurch wird Ich wirklich. In der Subjektivität wird die geistige Substanz der Person, das Verlangen nach höherer Beziehung, nach Teilnahme am Sein des Ganzen des Universums.

Sich erkennen ist meist nur Täuschung, eine verkehrte Anschauung und Verehrung des Scheins der Erkenntnis des Soseins. Erst durch Ich-Du definiert man sich: Sohn-Vater, Mann-Frau. Wer kein Ich-Du spricht, begeht einen Selbst-Widerspruch: Das Du schlägt um nach innen, entfaltet sich dort, wo es sich nicht entfalten kann, man tritt sich selbst gegenüber, doch ist dies keine Beziehung. Das eingeborene Du vollendet sich erst in unmittelbarer Beziehung zu dem Du, das nie Es werden kann, zu Gott. Doch das beschäftigt uns nun nicht mehr.

3. Schluss.

Die Quintessenz von Bubers Schrift ist also: Der Mensch lebt in einer Eswelt, er muss sie zu Objekten bilden, um sie ordnen und in der Welt leben zu können. Doch nur durch Beziehung zum Du wird der Mensch ein Mensch, ein Ich, kann er sich entfalten, kann selber Teil der Welt, Teil des Universums werden. Kein Mensch kann sich diesen Vorgängen entziehen, denn schon ab der Geburt haben wir Beziehungen.

4. Literatur.

Buber, Martin: Ich und Du. Stuttgart: Reclam 1995.

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Fußnoten:

1Ganz im Gegensatz also zu Platon, der meinte, dass beide Beteiligten teilnehmen müssen.

2Buber, Martin: Ich und Du. Stuttgart: Reclam 1995, S. 61.

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