Aristoteles über die Arten der Freundschaft

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1. Einleitung

Aristoteles (384 – 322 v.Chr.) war Philosoph, Schüler des Platon und Lehrer von Alexander dem Großen. Im Gegensatz zu seinem Lehrer Platon suchte er nicht das Ideal in der Philosophie, sondern beschrieb das konkret Beobachtete, schrieb nicht in Dialogen sondern in präzisen Abhandlungen. Damit wurde er im Mittelalter nach seiner Wiederentdeckung Ideengeber für den aufkommenden Empirismus. In seiner Nikomachischen Ethik, einer seiner Ethik-Abhandlungen, beschreibt er, wie der Mensch glücklich wird und ein glückseliges Leben führen kann. Dazu muss der Mensch tugendhaft sein und eine dieser Tugenden ist nun die Freundschaft.

Aristoteles‘ Aussagen über die Freundschaft sollen in diesem Artikel gesammelt präsentiert werden. Leider wiederholte sich Aristoteles in seinen Schriften ständig, weshalb hier nur das Essentielle herauskristallisiert werden soll. Insofern wird sich auch die Reihenfolge ändern. Während Aristoteles zunächst die Arten der Freundschaft definierte und dann immer wieder einzelne Fragen aufwirft, deren Antworten sich auf die Arten beziehen, sollen hier die Arten mit ihren Attributen vorgestellt werden.

Grundlage ist die Philia, welche den Büchern 8 und 9 der Nikomachischen Ethik entspricht. Gedruckt wurden sie 1972 vom dtv in der Übersetzung von Olaf Gigon. Angegeben werden bei Zitaten sowohl die Seitenzahlen dieses Drucks (hier bezeichnet als S.) als auch die Seitenangaben der Bekker-Zählung der Akademie-Ausgabe (hier bezeichnet als Nr.).

2. Allgemeines.1

Freundschaft definiert Aristoteles als eine Tugend, und zwar als eine der für alle Menschen im Leben notwendigsten und schönsten. Wo Freunde sind, da braucht es keine Gerechtigkeit2, denn Freunde sind sich bereits gerecht. Freunde lieben sich für das, was man ist und für nichts anderes. Freundschaft ist Liebe und geliebt wird das Liebenswerte, das Gute – und das Gute ist der Freund. Hierbei ist aber die Frage, ob damit das allgemeine oder persönliche Ideal gemeint ist. Freundschaft ist auch nicht die Anziehung von Gegensätzen, sondern man wird zum Mittleren gezogen, und eben dieses ist das Gute.

Freundschaft braucht Gegenliebe und Wohlwollen. Ein gegenseitiges Wohlwollen ist die Freundschaft. Reines Wohlwollen jedoch reicht noch nicht zur Freundschaft, denn dieses kann man auch unbekannten Menschen gegenüber haben, und zur Freundschaft gehört es, sich zu kennen. Doch man kann das Wohlwollen als eine erste Stufe zur Freundschaft betrachten. Ebenso ist Eintracht wichtig für die Freundschaft, denn die selbe Meinung sollte man schon haben.

Nun gibt es verschiedene Arten von Freundschaft, auf die unten einzeln eingegangen werden soll. Bei allen Arten von Freundschaft ist das gemeinschaftliche Leben wichtig und Freundschaft bei unangenehmen Menschen nicht möglich ist, denn diese sind niemanden gut noch nützlich und deshalb auch weniger zur Gemeinschaft fähig. Gemeinschaft ist also Freundschaft, denn auch der Besitz ist unter Freunden gemeinsam. Denn es ist das Recht strenger, die Freundschaft enger. Was das Recht erst festmachen muss, hat die Freundschaft schon. Auch beruhen alle Arten von Freundschaft auf einer freien Willensentscheidung. Die Tugend der Freunde ist das Lieben.

In der Freundschaft muss klar sein, was beide wollen, erst dann kann sich eine der unteren Arten bilden.

3. Nutzenfreundschaft.

Bei Freundschaft aus Nutzen brauchen die Beteiligten sich. Man ist sich angenehm, man erwirtschaftet einen jeweiligen Gewinn am anderen, man sieht im anderen einen Zweck. Diese Art von Freundschaft ist nicht dauerhaft und man findet sie vor allem bei älteren Leuten. Auch schlechte Menschen finden hier ihre Möglichkeit, Freunde zu haben. Eine Form dieser Freundschaft ist z.B. die Gesellschaft des Staates, ebenso wie es auch Vereine sind. Leider lässt sich diese Freundschaft leicht entzweien. Bei dieser Freundschaft kann es leicht zu Klagen und gegenseitigen Vorwürfen kommen, wenn einer glaubt weniger zu bekommen als er gab.

4. Lustfreundschaft.

Freundschaft aus Lust ist der Freundschaft aus Nutzen sehr ähnlich, doch geht es eben nur um die Lust, um den Lustgewinn. Man findet diese Art vor allem bei jungen Menschen, die in ihren Ansichten noch schwankend sind. Auch bei dieser Freundschaft können schlechte Menschen beteiligt sein. Jedoch ist diese Art der Freundschaft einer wahren Freundschaft noch am ähnlichsten, denn beide sind gleich und finden etwas Gutes ineinander.

5. Ungleiche Freundschaften.

Freundschaft beruht auf Gleichheit, doch gibt es auch ungleiche Freundschaften. Diese sind die Verhältnisse zwischen Eltern und Kind, zwischen Regierung und Regiertem sowie zwischen Mann und Frau. Diese Freundschaft beruht auf Überlegenheit eines der Beteiligten. Damit es aber eine Freundschaft ist, muss sie proportional sein, das heißt: der ‚Bessere‘ muss mehr geliebt werden. So scheint auch das Geliebtwerden den Menschen wichtiger zu sein als das Lieben. Doch es gibt auch Gegenbeispiele, dazu weiter unten dann.

Die Ehe ist etwas natürliches, die Partner helfen sich hierin: es verbindet sich das Angenehme mit dem Nützlichen. Wenn auch noch Tugend vorhanden ist, so ergibt sich eine ‚Wahre Freundschaft‘. Scheinbar jedoch halten meist nur gemeinsame Kinder eine Ehe zusammen.

In der ungleichen Freundschaft will jeder mehr erhalten, als er dem anderen geben will. Hier muss man in der Position des Schwächeren aber soviel geben, wie man kann, denn man kann nie soviel geben, wie man sollte, denn man hat ja weniger. Der Wohltäter scheint den Empfänger mehr zu lieben als umgekehrt. So ist dem Elternteil in der Regel das Kind wichtiger als dem Kind das Elternteil. Und der Künstler liebt sein Kunstwerk, doch dieses ihn nicht. Er scheint es zu lieben, weil er es erschaffen hat, weil er sich darin verwirklicht hat, weil es ihm Mühe kostete dies zu schaffen. Und was man Mühe hatte zu erwerben, das empfindet man als liebenswert. So erklärt es sich auch, dass auch bereits Glückselige der Freundschaft bedürfen, denn Glückseligkeit ist nicht Stasis sondern Tat, ein ständiges Machen.

6. Wahre Freundschaften.

Wahrhaftige Freundschaft, die ‚Tugendhafte Freundschaft‘, wünscht einander das Gute. Diese Freundschaft hält, solange beide tugendhaft sind und kann damit auch dauerhaft sein. Zusätzlich zum Tugendhaften sind die beiden Beteiligten sich auch nützlich, angenehm und gut, können also die anderen Arten von Freundschaft in sich aufnehmen. Diese Art Freundschaft ist selten, weil man sich dafür erst gut kennenlernen muss. Dafür ist sie vor jeglicher Verleumdung sicher. Auch räumliche Distanz kann diese Freundschaft nicht beenden, doch kann man sie infolge einer langen Trennung eventuell vergessen. Um die Freundschaft zu erhalten muss man viel miteinander reden und am besten gemeinsam leben. Wahre Freundschaft ist nur einmal möglich. In dieser Freundschaft gibt man, was man geben kann, und das reicht völlig.

Was tut der Mensch aber, wenn sein Freund sich ändert? Bei unheilbar schlecht Gewordenen sollte man die Freundschaft wohl beenden. Ist der andere aber tugendhafter geworden als man selbst, bildet sich damit eine ungleiche Freundschaft. Doch wenn man, wie man es auch sollte, einen steten Umgang mit seinem Freunde hat, wird dies kaum passieren. Denn Wahre Freundschaft wächst durch Umgang miteinander. Man lernt voneinander, man nimmt Charakterzüge an, man wird sich ähnlicher. So wird der andere zu einem Teil des Selbst.

7. Selbstliebe.

Da ein Freund jemand ist, der das Gute dem anderen um dessen selbst willen wünscht, ist auch eine Freundschaft mit sich selber sehr wohl möglich. Doch das geht nur bei guten Menschen, denn die schlechten sind innerlich gespalten und hassen oder fürchten sich selber.

„Er ist sich selbst am meisten Freund und so soll man sich auch selbst am meisten lieben.“3 Doch reiner Egoismus ist schlecht, dagegen ist es gut, wenn jemand für sich selbst sorgt. Denn für diesen sind ja auch andere Menschen gut oder Taten, die er ausüben muss, nach denen es anderen Menschen gut geht und ihm ebenso.

8. Schluss.

Aristoteles schließt seine Betrachtungen mit einigen allgemeinen Feststellungen. So ist es ratsamer, wenige, doch dafür gute Freunde zu haben. Bei Vielen muss man seine Aufmerksamkeit zu sehr aufteilen und neigt dazu, die Freundschaften in Zweckfreundschaften umzuwandeln. Auch ist Liebe als eine Steigerung der Freundschaft nur einer einzigen Person gegenüber möglich.

Freunden bedarf man immer, sowohl im Unglück als auch im Glück. Im Unglück vor allem den Nutzen-Freunden, denn der Nutzen ist die Hilfe, im Glück dagegen den Wahren-Freunden, die ohne einen Zweck da sind.

9. Literatur.

Aristoteles: Nikomachische Ethik. München: dtv 19722

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Fußnoten:

1Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik. München: dtv 19722, S. 231ff., Nr.1155ff.

2Hier verstanden als vor dem Gesetz gleich sein.

3Vgl. Aristoteles, a.a.O., S. 270, Nr. 1168.

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