Geschichte der Sprachwissenschaft

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Ziel diese Abhandlung sind vor allem eine knappe Übersicht zu bieten und dabei trotzdem die wichtigsten Entwicklungen und Anstöße anzuzeigen.

Grundlage waren vor allem B. Bartschat: Methoden der Sprachwissenschaft (Berlin 1996) sowie die Originaltexte.

Besonders zu den Junggrammatikern und dem Sprachwandel ist aber auch folgendes empfehlenswert: M. Steinberg – Sprachwandelmodelle

Die Anfänge (~4.Jh.v. Chr. – 1800)
Sprache wurde schon immer fasziniert erforscht. Die ersten Anfänge im Sinne methodischer Untersuchung von Sprache hat dabei vor allem Platon im Kratylos gemacht, doch war dies weiterhin eher Sprachphilosophie. Im Grunde genommen waren den Griechen nur die Bedeutung von Subjekt und Prädikat (Aristoteles) sowie Stilmittel wie die Rhetorik bekannt.
Die ersten größeren Grammatiken gab es im 4.Jh. von Donatus sowie im 6.Jh. von Priscian, natürlich zu Latein. Besonders Priscian hat sogar bereits Phonetik, Intonation, Flexionsbildung (Morphologie) sowie ein wenig Syntax behandelt.
Erst in der Renaissance war ein Aufstieg der Wissenschaft zu spüren, doch die Sprachwissenschaft war weiterhin Teil der Philosophie. Gegen Ende der Renaissance 1660 erschien die Grammatik von Port Royal, die erste universalgrammatische Betrachtung von Sprache basierend auf der zu der Zeit wirkenden Logik, später übernommen von Chomsky.

Die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft (~1816 – 1940)
Die Zeit der Aufklärung war Beginn der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft. Es wurden immer mehr Sprachen entdeckt und beschrieben und bereits Leibniz forderte, sie alle zu vergleichen. 1786 berichtete schließlich William Jones von seiner Entdeckung, dass Sanskrit mit den Sprachen Europas verwandt sei. Damit löste er größere Bestrebungen aus diese Verwandtschaft zu erforschen. Wilhelm von Humboldt betrieb dies noch auf einer eher philosophischen Basis, 1808 forderte F. Schlegel eine historisch-vergleichende Sprachwissenschaft (h-vgl SW) und gründete damit diesen Terminus. 1814 erschienen Rasmus Rask (1787 – 1832) Ergebnisse zur Verwandtschaft und Ursprung des Altnordischen. Er erkannte bereits, dass man für den Beweis einer Verwandtschaft nicht so lexikalische sondern eher morphologische Bezugspunkte heranziehen musste, ähnliches erkannte auch der Russe A. Vostokov. Rask formulierte auch die ersten Lautgesetze.

1816 erschien Franz Bopps (1791 – 1867) Vergleich der Konjugation von Sanskrit mit anderen indoeuropäischen Sprachen, der methodische Beweis für Jones Feststellung. Bopp erhielt wenig später von seinem Schüler W.v.Humboldt einen eigens eingerichteten Stuhl für Indogermanistik an der neuen Universität Berlin, womit dieses Fach erstmalig gegründet wurde. 1833 erschien Bopps vergleichende Grammatik zahlreicher indoeuropäischer Sprachen, noch ohne Syntax und Semantik, auf Morphologie, Phonetik und ein bisschen Lexikon beruhend. Auf die Gesellschaft hatte dies einen so großen Einfluss wie die Entdeckungen Newtons. Auch formulierte er die These, dass Endungen entstanden sein durch allmähliche Agglutination von Pronomina, womit er Sprachen als Organismen klassifizierte, mit Geburt, Aufstieg, Höhepunkt und Verfall.

1819 erschien die deutsche (eigtl. vgl.) Grammatik des Jacob Grimm und 1822 formulierte er sein Lautgesetz (Grimm’s Law) auf Basis der Thesen von Rask, von der ersten Lautverschiebung (z.b. von romanischen hin zu germanischen Sprachen) und 1858 ebenso eine Stadientheorie für Sprachen wie Bopp. Man kann sagen, für das was Bopp entdeckte formulierte Grimm die Regeln.

1861 erschien das Compendium d. vgl. Grammatik v. indoeuro. Spr. des August Schleicher (1821 – 1868). Dies war die erste Auflehnung gegen die h-vglSW, doch noch eng an ihr orientiert. Schleicher näherte die SW der Naturwissenschaft an, indem er den Begriff des Sprachorganismus konkretisierte und den Ausdruck der Morphologie einführte. Sprachen seien wie Lebewesen, mit einer Lebensspanne und hierarchisch in Familien geordnet. In seiner neuen Stammbaumtheorie gab es zu jeder Sprache eine Muttersprache und für alle zusammen eine Ursprache, deren Rekonstruktion sein oberstes Ziel war und sich sogar in einer Fabel in dieser Sprache niederschlug, was später die stärkste Kritik war, da angenommen wird, dass schon immer mindestens Dialekte vorlagen und nie eine einzige geeinte Sprache.

Seine stärksten Kritiker waren dann auch die Junggrammatiker. Initiiert wurde dies Richtung von August Leskien (1840 – 1916), welcher bei Schleicher studiert hatte und ab 1870 in Leipzig lehrte. Karl Brugmann (1849 – 1918) und Hermann Osthoff (1847 – 1909) formulierten 1878 in ihrem Vorwort zu ihrem Buch „Morphologische Untersuchungen auf dem Gebiete der indogermanischen Sprachen“ ihr Glaubensbekenntnis. Erstmals wollten sie Lautwandel nicht nur beobachten, sondern auch erklären können. Daher waren sie von der naturwissenschaftlich-philosophischen Richtung des Posivitismus überzeugt, nach der nur Fakten und Beobachtbares zählten und ebenso von der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze überzeugt, also dass diese überall und gleichmäßig und lediglich phonetisch verlaufen, während Ausnahmen mit Analogien oder schlicht bisher fehlendem Wissen erklärt wurden. Auch wurden Analogien (leveling und extension) angenommen um andere Formen an die durch den Lautwandel veränderten anzupassen. Damit haben sie die komparative Methode konsequent weitergeführt [Massenvergleich von Phonetik, Grammatik->ähnliche Formen = Protoform, bzw diese mit Regeln rekonstruieren]. Sprache ist ein psychophysischer Vorgang des einzelnen Sprechers (sie haben also quasi nur die parole untersucht und eine langue abgelehnt [vgl. de Saussure]), weshalb Veränderungen nur von diesem ausgehen (z.B. durch falsches Verstehen), nicht etwa z. B. von einem ganzen Volk und ignorierten damit kulturelle Aspekte. Die Idee der Sprache als Organismus wurde ebenso abgelehnt wie die Stammbaumtheorie und die Idee einer Ursprache. Gesprochene Sprache war wichtiger als geschriebene, aktuelle kein Anzeichen von Verfall für sie und daher ebenso wichtig wie frühere Stufen bzw sogar wichtiger, da man hier die Regeln und Prinzipien finden, die man für die Rekonstruktion früherer Stufen nutzen konnte. Da sie Abstraktionen ablehnten und nur beobachtbares zählte, sahen sie oft den größeren systematischen Zusammenhang nicht und wurden als Atomisten bezeichnet. Doch die 1880 erschienen „Prinzipien der Sprachwissenschaft“ von Hermann Paul (1846 – 1921) in der er das vorhergesagte noch einmal ausformulierte und erweiterte, sollte lange ein Standardlehrbuch bleiben, nicht zuletzt auch deshalb, weil zuerst Karl Brugmann, später gefolgt von Wilhelm Streitberg (1864 – 1925) und Heinrich Junker diese Tradition fortsetzten. Doch nach der Absetzung Junkers aufgrund seiner NS-Vergangenheit sowie der Ignoranz gegenüber neuen Entwicklungen sollte Leipzig während der DDR-Zeit keine große Rolle mehr spielen.
In den Prinzipien machte Paul noch einmal klar, dass die Sprachwissenschaft eine empirische Basis haben sollte, nicht nur bloß beobachtbar sein, wie ihre Vorgänger meinten. Einflüsse sind vor allem Humboldt, Whitney und Steinthal. Er unterschied zwischen Natur- und Kulturwissenschaften und ordnete die Sprachwissenschaft zweiterem zu, da sie auch psychische und nicht nur physische Faktoren hat und ordnete jeder Kulturwissenschaft eine Prinzipienwissenschaft zu, welche allgemeine Bedingungen und Gesetze aufdecken soll, also auch, wie die Gesellschaft miteinander wirkt. Sprache wird aber nur in ihrer historischen Entwicklung erforscht, nicht allein im gegenwärtigen Zustand, Linguisten sollen Regeln aufdecken die zum Sprachwandel führen (und nicht den Wandel selber), untersucht am Individuum, nicht an sozialer Interaktion.
Fazit: Verbesserung der bisherigen Methoden und diese theoretisch fundiert [bes. Prinzipien]. Viele Erfolge und und Problemlösungen, riesige Datenmenge beschrieben, das meiste noch heute genutzt und gültig.

Die moderne Linguistik und der Strukturalismus (seit 1916)
Die Junggrammatiker hatten zahlreiche Kritiker. Jan Baudouin de Courtenay (1845 – 1929) studierte kurz u.a. in Leipzig und trug hier zunächst noch zu den Annahmen Lautgesetz und Analogie bei, ging aber bald nach Kasan (Russland) und später Dorpat (Estland) und Krakau. Da er aber leider nie eine zusammenhänge These formulierte und außerdem meist in Polnisch publizierte wurde er nie so bekannt wie de Saussure, welchen er doch gut kannte. Ebenso wie die Junggrammatiker war er anfangs noch von einer verallgemeinernden h-vglSW überzeugt und dass die SW nach wirkenden Gesetzen suchen solle, sprach sich aber später wie de Saussure für ein Netz von Beziehungen aus. Ebenso war er wie die JG von dem individuellen in der Sprache überzeugt, dass man an lebenden Sprachen arbeiten müsse und dass Urformen rekonstruiert werden sollten, akzeptiert aber auch eine Ergänzung der SW in Form der kulturellen Beziehungen. Ein persönlicher Schwerpunkt lag aber in der Phonetik, wo er das Phonem von dem Graphem trennte (wie es auch die JG taten) und in einer Trennung von Lautphysiologie (vgl. Phonologie) und dem mechanischem (vgl. Morphologie), außerdem unterschied er auch schon zwischen Sprachpotenz und konkreter Sprachäußerung.
In der Phonetik erkannte er das Phonem als abstrakte Verallgemeinerung des Phons, dass es aus kleineren Bestandteilen besteht und Teil von Morphemen ist, was später in Phonologie und generativer Phonologie weiterentwickelt wurde. In der Typologie erkannte er, dass verwandte Sprachen nicht unbedingt dieselbe Flexion haben müssen, beides also voneinander unabhängig ist, das Sprachen sich ändern und vor allem die Entdeckung von Mischsprachen, was die Prager später ebenso weiterentwickelten.

Zeitgleich mit Baudouin entwickelte Ferdinand de Saussure (1857 – 1913) seine eigenen Thesen, u.a. aber in Wechselwirkung mit diesem. de Saussure sollte Start- und Angelpunkt der modernen Linguistik werden. Früh entdeckte er die Laryngale im Protoindoeuropäischen, noch zu junggrammatischen Zeiten, verfolgte dann aber eigene Ideen. Sein Cours des linguistiqe générale erschien aber erst posthum 1916, zusammengetragen von seinen Schülern Charles Bally und E. Sechehaye und vermutlich von diesen erweitert. Er unterteilte die Sprache in langage (die allgemeine Fähigkeit zu Sprechen), langue (eine systemhafte Einzelsprache mit Grammatik; gleichzeitig aber auch die idealisierte Form menschlicher Sprache) und parole (das konkrete, individuelle Sprechen).
Weiterhin bezeichnete er Sprache als ein Zeichensystem (und ordnet so die SW als Unterpunkt einer neuen Wissenschaft zu, der Semeologie) , und der Wert eines Zeichens ergäbe sich durch seine Stellung im System (paradigmatisch, also Zeichen die an derselben Stelle vorkommen können und syntagmatisch, Einheiten in einem gemeinsamen Kontext) und dadurch, was es von anderen Zeichen unterscheide. Zeichen die von der Bedeutung her miteinander etwas zu tun haben, deren erwartbares Vorhandensein nennt er Kollokation. Weiterhin verbinden Zeichen nicht Idee (Bezeichnetes, signifié) und Lautbild (Bezeichnendes, significant) sondern sind dies in einer Form untrennbar vereint. Die Anwendung der SW unterteilt er in die beiden Bereiche synchron (zeitgleich, aktuelle Sprachen), und diachron (die bisher herkömmliche h-vglSW) und ordnet letztere der ersteren unter, was natürlich der größte Bruch mit der bisherigen SW war.
Von den Ideen de Saussures initiiert oder zumindest beeinflusst wurden in den folgenden Jahren vor allem drei große Gruppen: der Prager Kreis, die Glossematik und die deskriptive Linguistik.

Der Prager Kreis (1929 – 1939)
Ähnlich wie die Junggrammatiker bestand auch der Prager Kreis aus mehreren Linguisten, die meist nicht mal in derselben Stadt wirkten, aber eine Einheit mit gemeinsamen Grundsätzen und Ansichten bildeten und im Gegensatz zu den Junggrammatikern dies sogar institualisierten. Die meisten von ihnen hatten eigene Zweifel an der herkömmlichen Methode der SW entwickelt, oft geschürt von Baudouin und in de Saussure eine Bestätigung findend. Ein anderer Einfluss war die Gestaltpsychologie, welche Dinge als Ganzes und strukturiertes betrachtete, ganz im Gegensatz zu dem Atomismus der Junggrammatiker. So vollführte der Kreis dann auch vor allem Strukturanalysen sowie Sprachvergleich und dies auf allen Ebenen.
1929 formulierten und veröffentlichten sie ihre Grundsätze. Sprache ist ein dynamisches Zeichensystem (also weder Atomismus noch Synchronie und Diachronie wie bei Saussure getrennt), die Sprachstruktur hat eine enge Verbindung zur außersprachlichen Realität (parole ist also ebenso systemhaft wie langue. z.B. Semantik und Stilistik) und zwischen den Sprachsystemen gibt es Beziehungen (Sprachvergleich, Sprachtypen, Sprachbünde).

Ihr Gründer V. Mathesius war bereits vor Erscheinen des Cours für die Synchronie und jemand, der nach langer Zeit sich wieder mal mit Syntax befasste, was Grundstein für spätere Studien werden sollte.

Der Russe N. Trubetzkoy (1890 – 1938) ist vor allem als Gründer der (modernen) Phonologie bekannt. Basierend auf den Aussagen von Baudouin über das Phonem und de Saussure über die Systemhaftigkeit entwickelte er seine eigene Methode. Phoneme sind sprachspezifisch in Systeme geordnet die Abstraktion des konkreten individuellen Phons. Er erkannte spezifische Funktionen des Schalls, der Laute, vor allem, dass sie sich in distinktiven phonetischen Merkmalen unterscheiden, die linear erzeugt werden. Phonemvarianten sind systemhaft und entweder kombinatorisch (mit speziellen phonologischen Regeln) oder frei. Ein Phonemsystem besteht aus Merkmalsoppositionen die ein- oder mehrdimensional, privativ und/oder graduell sind. Die wichtigsten sind hierbei die eindimensional privativen, da sie Korrelationen bilden, wie z.B. stimmhaft und lang.
Seine Phonologie entwickelte er auch weiter zur Morphophonologie mit Phonotaktik und abstrakten Morphophonemen (wie RAD für rad, rad(es), rät(chen), räd(r) und er arbeitete an Sprachbunden, zu denen er meinte, dass eine Sprache ihre Zugehörigkeit zu einer Familie auch erwerben oder verlieren kann und für die Zugehörigkeit eine bestimmte Anzahl von Merkmalen nötig seien.

Der im Nachhinein wichtigste der Prager Linguisten sollte der Russe Roman Jakobson (1896 – 1982) werden, nicht nur wegen seiner längeren Lebensspanne, auch wegen seinen zahlreichen linguistischen Interessen, so dass er heute neben de Saussure und Chomsky zu den wichtigsten Linguisten aller Zeiten zählt.
In der Phonologie arbeitete er anfangs noch mit Trubetzkoy zusammen. Auch er war der Meinung es gäbe distinktive binäre Merkmale und ordnete sie zu 12 Paaren, aus welchen die Sprachen der Welt ihre Systeme erstellen. Im Gegensatz zu de Saussure gab er aber auch der historischen SW das Recht systemhaft zu sein. So seien Lautwandel zweckbedingt um das Gleichgewicht zu halten: leere Felder auffüllen und das System vereinfachen (siehe seine Schrift 1931 „Prinzipien der historischen Phonologie“)
Morphologie und Semantik brachte er zusammen, indem er morphologische Kategorien als Ausdruck gammatischer Bedeutung nannte mit den Grundannahmen der Korrelation, Invarianz und semantischer Merkmale. 1932 brachte er dies in der Schrift „Zur Struktur des russischen Verbums“ zum Ausdruck und verfeinerte es 1936 im „Beitrag zu allgemeinen Kasuslehre“, in welcher er Kasus mit nun 3 statt 2 Merkmalen beschrieb und sie auf einem 3D-Würfel anordnete und so mit Hilfe der Merkmale und Regeln Synkretismen erklären konnte.
Auch mit Semiotik und Poetik befasste er sich und nach seinem gezwungenen Wechsel 1941 in die USA auch mit Biologie und Genetik, Literatursprache, Kindersprache und Aphasie.
Die Prager Linguisten waren innovativ und einzigartig und sollten für viele Gebiete Impulse geben. Nur die Syntax sollte Gebiet der deskriptiven Linguistik werden.

Die Glossematik (1935 – 1943)
Zwei Kopenhager, Luis Hjelmslev (1899 – 1965) sowie H.J. Uldall (1901 – 1957) sollten eine ganz eigene Art der strukturalistischen Linguistik versuchen. Hjelmslev lernte 1926 den Cours von de Saussure kennen und Uldall war von 1930 bis 1933 bei Franz Boas. Nach seiner Rückkehr arbeiteten sie an der Glossematik, doch musste Hjelmslev sie alleine fertig stellen.
Die Glossematik basiert gänzlich auf de Saussure und führt dessen Ideen fort, beeinflusst vom Neoposivitismus mit seiner formalen Logik und den Forderungen des Wiener Kreises nach formalen, mathematischen Regeln zur Beschreibung von Relationen. Die Glossematik ist gänzlich formale Theorie, kaum praktisch anwendbar.
1943 erschien die „Prolegomena zu einer Sprachtheorie“, eine Einführung in die Glossematik, die komprimiert und theoretisch sich zeigt mit wenigen Beispielen und hundert neuen Termini. Laut ihr ist nur die Form (abstraktes wie Phoneme und Seme) Gegenstand der Linguistik, die Substanz (außersprachliches wie Phone) gehört dagegen in andere Wissenschaften, die nicht Teil der Linguistik sondern nur Hilfswissenschaften sind. Linguistische Relevanz haben nur Beziehungen zwischen sprachlichen Einheiten und nicht diese selber.
Das 1941 erschienene Résumé ist eine Ergänzung zur Prolegomena, eine Auflistung von Definitionen, Regeln, Operationen und Prinzipien.

Die deskriptive Linguistik (~1933 – 1960)
Die dritte große Gruppe der strukturellen Linguistik ist die deskriptive Linguistik. Im Gegensatz zu den anderen entstand sie in den USA und basierend auf einem anderen Hintergrund. Die Amerikaner hatten weniger Interesse an Indogermanistik und einer Ursprache entwickelt als die Europäer. Stattdessen sah man sich Tür an Tür wohnend mit Sprachen die der eigenen völlig verschieden sind, den Indianersprachen. Diese zu beschreiben und praktische Methoden um dies tun zu können galt mehr Interesse als irgendwelche Theorien.

Franz Boas (1858 – 1942) gilt als Begründer dieser linguistischen Richtung. Er erkannte, dass die Indianersprachen keine schriftlich festgehaltene Geschichte und vor allem eine völlig andere Struktur besaßen und daher die europäischen diachronen Methoden hier fehl am Platze wären. Weiterhin erkannte er, dass jede Sprache eine begrenzte Anzahl Grundeinheiten sowie grammatischer Kategorien hat und Ähnlichkeiten durch Verwandtschaft oder Sprachkontakt entstehen (vgl. Baudouin).

Einer seiner Schüler, Edward Sapir (1884 – 1939) sah eine Verbindung von Sprache und Kultur, welche später zur Ethnolinguistik führte. Nach ihm spiegelt die Sprache nur psychische Muster wieder, was wahr ist, aber zu seiner Zeit nur belächelt und als Mentalismus bezeichnet wurde. Auf seinen Schüler Benjamin Whorf (1897 – 1941) geht dabei die linguistische Relativitästheorie zurück, nämlich, dass jede Sprache unterschiedliche Strukturen hat, die Welt so anders gliedert und seinen Sprechern diese Gliederung aufzwingt.

Ein weiterer Schüler von Boas, Leonard Bloomfield (1887 – 1949) sollte in eine andere Richtung gehen. Er hatte bei Brugmann, Leskien, Wundt und Boas gelernt und kannte die Theorien von de Saussure und Trubetzkoy und entwickelte eine eigene Theorie, was 1933 in seinem Buch „Language“ gipfelte. Seine Einflüsse waren vor allem de Saussure und Boas und er nannte seine Technik deskriptive Linguistik. Nach dieser ist Sprache ein System mit Teilsystemen, ein Element definiert sich durch seinen Platz darinnen (vgl. de Saussure). Im Gegensatz zu Sapir war Bloomfield aber vom Behaviorismus beeinflusst, nach dem sich menschliches (und tierisches) Verhalten als ein Verhältnis von Reiz (stimulus, S) und Reaktion (response, R) erklärt, alles physikalischen Gesetzen gehorcht, die Dinge messbar sein müssen und der Mensch lernt.

1926 erschien sein Artikel „A Set of Postulates for the Science of Language“, eine Reihe von Definitionen für die Linguistik, wo er aber vor allem auch bereits die Syntax leicht behandelt und Formen durch die Positionen beschreibt, in denen sie vorkommen.

1933 brachte er eine überarbeitete Version seiner Linguistik-Einführung „Language“ heraus, die anfangs noch von Wundts Völkerpsychologie beeinflusst war, von der er sich aber ab- und dem Behaviorismus zugewendet hatte. Und so benötigen auch nur diese Teile Aufmerksamkeit gegenüber anderen Einführungen. Die sprachliche Bedeutung definiert er durch die Situation mit SR-Merkmalen. So kann man aber nur sehr wenig vom Wortschatz wirklich analysieren. Auch Spracherlernung solle so stattfinden, was aber überhaupt nicht der Realität entspricht. Vor allem aber sagte er hier auch, dass jede komplexe Form aus ultimate constituents besteht, den Elemantarkonstituenten. Zwischen diesen und der komplexen Form baute er eine zweite Ebene ein, die immediate constituents (IC). In der Analyse geht es von den komplexen Formen schrittweise über die IC bis zu den UC.
Die Auffindung sprachlicher Regularitäten in der deskriptiven Linguistik bediente man sich vor allem der Distributionsanalyse.

Unter seinen Nachfolgern befasste sich erstmals 1947 R.S. Wells genauer mit den IC. Er segmentierte und klassifizierte im Stile de Saussures und benutzte erstmals Klammerung, aber noch ohne Knoten- und Kategorienangaben. Nach ihm waren die IC binär, Teil größerer Konstituenten, eine Diskontinualität war erlaubt und die Beschreibung erfolgte v-o-n-u oder v-u-n-o.

Zellig Harris (1909 – 1992) baute dies aus und beseitigte Mängel der IC und Syntax.
Sein erstmals 1951 erschienenes Buch „Methods in Structural Linguistics“ gilt als die Bibel der deskriptiven Linguisten. Es beschreibt wie man Sprache zu beschreiben hat. Zuerst Sprachdaten sammeln, dann segmentieren und analysieren. Wichtig war für ihn hierbei nicht eine Sprachtheorie sondern Methoden zur Beschreibung von Sprachen, die aber auf alle Sprachen anwendbar sein sollen. Wichtig hierbei die Distributionsanalyse (die nicht subjektiv, aber allgemeingültig und einheitlich ist; dafür aber schwerfällig, berücksichtigt nicht die Semantik und verlagert Subjektivität nur auf Informanten), die Bedeutung eines Elementes ergibt sich also über seine möglichen Positionen. Distributionen findet man über Substitution (Ersatzprobe), Verbindungsmöglichkeiten über Konstituentenanalyse (IC-Analyse). Sprachliche Ebenen werden nacheinander durchgelaufen.

1952 erschien sein Aufsatz „Discourse analysis“. Hier legte er den Grundstein zur späteren Textlinguistik sowie zur generativen Grammatik. Er erkannte, dass Sprache nicht als einzelne Teile sondern als ganzer Text auftrat. Die grundlegenden Methoden behielt er bei, da man hierbei erfährt, wie ein Text was sagt (das Was ist egal): Wichtig sind Äquivalenzen (wenn AM und AN vorkommen, sind M und N äquivalent, da in Umgebung von A. Wenn B und CN vorkommen, ist B sekundär äquivalent zu C, da dieses bei einem äquivalenten Element vorkommt), die bei gleicher Äquivalenz eine ÄKlasse bilden, und schließlich wird ein Text in Intervalle (Aufeinanderfolge von ÄKlassen). Nun ist neben der Distribution der Elemente auch ihre Reihenfolge wichtig. Auch führte er die grammatische Transformation ein: Sätze werden in äquivalente transformiert (z.B. Aktiv – Passiv). In diesen Äquivalenzklassen geht es um außertextliche, gesamtsprachliche Sätze.

In späteren Aufsätzen arbeitete er die Transformationsanalyse weiter aus, welche endlich die Mängel der IC-Analyse (fehlende Interpretation syntaktischer Homonymie und komplizierter Strukturen) beseitigte. Eine grammatische Transformation ist eine symmetrische Relation, die zwischen zwei Konstruktionen besteht, wenn korrespondierende Positionen in den zwei Konstruktionen durch dieselben n-Tupel von Ausdrücken erfüllt werden können. Diese Analyse sollte Grundstein für die generative Grammatik werden.

Besonderheiten der deskriptiven Linguistik: 1. Praxisnah, 2. striktes Analyseprogramm, einzige Realität ist der Text [und damit Auslass von Bedeutungen, Geschichte, Genetik etc], 3. strenger Ebenenaufbau (Phonologie – Morphologie – Syntax), 4. distributiv äquivalente Texteinheiten stehen im Mittelpunkt. Distributionen: komplementär (Allos), Kontrast, frei.

Vergleich der Strukturalisten
Alle bauen sie auf de Saussure auf bzw. auf der Annahme, dass Sprache ein System ist, vor allem die synchrone. Unterschiede ergaben sich aufgrund Einflüsse anderer Wissenschaften.
de Saussure wollte als Gegenstand der Linguistik die langue, nicht die ungeordnet individuelle parole und reagierte zwar auf die diachron arbeiten Junggrammatiker, ergänzte sie aber bloß um die Synchronie.
Die Prager waren von der Gestaltpsychologie beeinflusst; nahmen die parole auch auf, entwickelten Theorien und wandten diese als Methoden an; formulierten keine Forderungen an die Linguistik, sie sollte nur angemessen sein; für sie waren Synchronie und Diachronie gleichberechtigt; behandelten alle Ebenen der Sprache (Phonetik, Morphologie, Syntax, Lexik, Semantik) und ergänzten sie um die Morphophonologie sowie Phonologie; nannten Sprache geformte Substanz (waren also offen für abstraktes wie konkretes); nennen Funktion=Zweck, und Zweck der Sprache ist Kommunikation, weshalb auch Sprache in sozialer Abhängigkeit untersucht wird (wie Dialekte, Stile, Literatur)
Die Glossematik war vom logischen Posivitismus beeinflusst; interessierte nur die langue; konzentrierte sich auf die Theorie; forderte Formalismus (Empirieprinzip); sie war Panchron; ersetzte die traditionellen Ebenen durch ein Netzwerk von Relationen; beachtete nur die Form; betrachtete Funktion als mathematische Relation nach der allein klassifiziert werden darf; arbeitete zu abstrakt um soziales zu berücksichtigen.
Bei den behavioristischen Deskriptiven stand die parole im Mittelpunkt, so Gefundenes des abstrakten Systems wurde aber auch aufgenommen; wandten Methoden an die zu Theorien wurden; wollten Objektivität; arbeiteten (anfangs) nur synchron; nahmen die traditionelle Ebenen-Einteilung sehr ernst; akzeptierten phonetische aber keine Bedeutungssubstanz; nannten Funktion=Summe der möglichen Positionen; berücksichtigten soziale Aspekte ebenso nicht.

Generative Linguistik (seit 1951)
Eine Fortentwicklung der deskriptiven Linguistik im Bemühen die Linguistik als Teil der kognitiven Psychologie zu begründen, entwickelt von Noam Chomsky (*1928). Er war bereits als Student Mitarbeiter von Zellig Harris und ist seit 1955 am MIT tätig. Er versuchte herauszufinden, was in die Linguistik gehört und ob man die Sprache formal ohne Rückgriff auf Bedeutungen beschreiben kann.

In seiner Dissertation 1951 „Morphophonemics of modern Hebrew“ verkündete er bereits das Ziel, eine geschlossene Menge von im voraus gegebenen Sätzen zu generieren und wollte dafür eine effiziente, ökonomische und elegante Grammatik. Dazu gehören Syntax- und Morphologieregeln sowie Morphophonologie. Er benutzte hier auch bereits Bezeichnungen wie NP und Klammerung.

1957 erschien sein berühmtes „Syntactic Structures“, welches eine Grammatik zur Generierung von Sätzen konstruieren sollte sowie eine allgemeine Sprachtheorie (grammatisch hier noch als in der Sprache machbar). Er prüfte nach einander 3 Syntaxmodelle und verwirft jedes für das folgende. 1. Ein Automatenmodell, das von einem Startpunkte bis zu einem Endpunkt fortschreitet. 2. Das Phrasenstrukturmodell, welches IC benutzt, die aus einer größeren Struktur jeweils die kleinere ableitet und als Baumgraph dargestellt wird. 3. Das Transformationsmodell, das die vorherigen Mängel beseitigt. Anders als bei Harris sind hier die T aber nicht umkehrbar. Es gibt obligatorische für einfache Kernsätze und optionale für weitergehende Sätze. Die Grammatik besteht letztlich aus der Phrasenstruktur (PS), der Transformationsstruktur (TS) und der morphophonologischen Struktur. Neu im Vergleich zu Harris sind die Grammatikalität, die Arten der Transformationen sowie eine schwächere Anforderung an die Grammatik.

1965 brachte er die überarbeitete Version des T-Modells heraus in seiner „Aspects of the Theory of Language“, welches man später die Standardtheorie nannte. Die Syntax baute er neu auf, mit PS-Regeln als Basis, welche die Tiefenstruktur (TS, abstrakt) generieren, aus der Transformationsregeln (T-Regeln) in die Oberflächenstruktur (OS, konkret) überführen. Die TS wird über Projektionsregeln mit der semantischen Bedeutung verknüpft, die OS über phonologische Regeln mit der phonetischen (hier auch Morphologie). Aufbau:

Projektionsregeln PS-Regeln:
| <——–TS: phonet. Repräs.
semant. Repräs. T-Regeln: |
OS——–> phono. Regeln

Satzgliedfunktionen wie Subjekt, Prädikat sind eine grammatische Funktion gegenüber den gramm. Kategorien (wie NP), z.B. Subjekt-von: [NP, S] (Subjekt ist die vom S dominierte NP).
Außerdem stellt Chomsky 3 Stufen der Adäquatheit für Bewertungen von Grammatiken auf, nämlich Beobachtungsä. (Daten müssen richtig sein), deskriptive Ä. (Sprachkompetenz des Sprechers korrekt beschrieben, z.B. müssen Strukturunterschiede erkennbar sein), Erklärungsä. (wenn eine Theorie mehrere Grammatiken erlaubt). Letzteres vor allem deshalb, um Universalien erklären zu können, hier noch 2 Arten: substantielle (wie z.B. distinktive Merkmale) und formale (wie Regeln). Weiterhin unterscheidet er zwischen competence (Möglichkeit der Sprachausübung, Kreativität: unendlicher Gebrauch endlicher Mittel) und performance (Sprache in konkreten Situationen), womit er erklärt, dass die Linguistik einen idealisierten Sprecher-Hörer ohne die üblichen Sprachprobleme (Verwirrung, Fehler, etc) braucht und erklärt dies u.a. durch den Spracherwerb.

Die Standardtheorie ist also der erste Entwurf einer generativen Gesamtgrammatik, welche er später immer weiter veränderte und anpasste. 1972 in der erweiterten (EST), und später der revidierten (REST) Version.
Ab EST nimmt neben der TS auch die OS Einfluss auf die Semantik und das Lexikon wird ein eigener Teil, deren Einheiten durch lexikalische Transformationen in P-Marker der Basis eingesetzt werden. Die Basisregeln werden ab REST X-Bar-Schema genannt, welche die TS erzeugt. Statt mehreren Transformationen gibt es nur noch eine, nämlich move, die OS hat eine logische Form (Semantik, LF) und eine phonetische (PF), das Lexikon wird noch wichtiger und die Komponenten sind nun modular aufgebaut.
Aufbau: PS-Regeln [X-Bar] & Lexikon -> D-Struktur->move->S-Struktur-> phono. Regeln zur phonet. Repräs. & semant. Regeln zur semant. Repräs.
Weitere Nachfolger sind die GB-Theorie (government & binding, 1981) und die Minimalistische Syntax (1992).

Vor allem aber interessiert sich Chomsky für Probleme des Spracherwerbs (Kinder mit unterschiedlichen Erfahrungen kommen zu identischen Grammatiken), was er auf die Universalgrammatik (UG) zurückführt, ein System von Prinzipien, durch Parameter auf konkrete Sprachen bezogen und das Modularitätsprinzip, nach der das menschliche Wissen modular aufgebaut ist, mit autonomen Teilsystemen.

Neuere pragmatische Entwicklungen (seit 1955)
Die Sprechakttheorie ist eine Entwicklung der Pragmatik von John Austin (1955) und seinem Schüler John Searle (1969, Speech Acts), basierend auf Ludwig Wittgenstein, der 1953 sagte, dass beim Sprechen nicht nur etwas benannt wird, sondern mehr mitschwingt. Sprechakte sind für Austin und Searle fundamentale Einheiten menschlicher Kommunikation und Grundbestandteile der Sprache, nicht etwas Wörter und Morpheme. Sie unterscheiden 3 Arten von Akten (lokutiv [reine Äußerung], illokutiv [Äußerung in Kommunikation], perlokutionär [Eintreten des gewollten]) und untergliedern den lokutiven in phonetisch, phatisch und rhetisch. Weiterhin klassifiziert Searle Illokutionen nach 12 Kriterien (u.a. Pointe und Ausrichtung). Sprechakte können offensichtlich oder verdeckt sein.

In den 1960ern beschäftigten sich Münsteraner mit der Frage, welche Beziehungen zwischen Sätzen über Textgrenzen hinaus bestehen (vgl. Harris). Durch spezielle Mittel (Rekurenz, Substitutionen, Pro-Formen, Verweise, Deixis, Tempus, Konjunktionen) werden Sätze zu Texten verknüpft, diese werden als Ganzes und dem Satz übergeordnet betrachtet. Ob man einen Text als ganzes erfassen kann, hängt davon ab, ob man die Tiefenstruktur erfasst. Präsuppositionen (etwas gesagtes impliziert noch etwas anderes) verbinden Textteile. Als Muster gibt es z.B. Thema-Rhema und chronologische Erzählformen.

1974 erschien der Artikel „A simplest systematics“ von Harvey Sacks, welche die Konversationsanalyse vorstellt, in der Gespräche nach Regeln und Verfahren untersucht werden, mit denen man Kommunikation praktisch gestaltet. Hieraus entstand die Gesprächsanalyse dialogischer Sprache, die sich mit gesprächsorganisatorischen Fragen befasst, wobei nach Klaus Brinker (1989) ein „Gespräch“ eine begrenzte Folge von sprachlichen Äußerungen ist, die dialogisch ausgerichtet ist und eine thematische Orientierung aufweist.

Auswahl der wichtigsten Werke im Zeitrahmen:

1861 A. Schleicher „Compendium der vgl. Grammatiken ide. Sprachen“

1863 Grimm stirbt.

1867 Bopp stirbt.

1868 Schleicher stirbt.

1876 Leskien Slavistik in Leipzig.

H. Osthoff & K. Brugmann: Vorwort zu „Morphologische Untersuchungen“ (1878)
Vorstellung einer „neuen Methode“, da in den letzten 10 Jahren exzessiv diskutiert wurde. Zwar seien Sprachen erforscht wurden, aber ohne vorherige Klärung prinzipieller Fragen (Sprachentwicklung, Sprechfaktoren, etc).
1.Sprache ist kein Organismus, sondern psychophysische Tätigkeit, abhängig vom Sprecher, dem Individuum, von denen auch Neuerungen kommen, was schon immer so war, weshalb man ältere Prozesse mit denselben Gesetzen erklären wie aktuelle.
2.Es gibt keine Gesamtursprache, höchstens einzelne Urformen, und keine aufsteigenden und verfallenden Sprachstufen. Man müsse von der Gegenwart zum Unbekannten fortschreiten. Nie hat jemand alle rekonstruierten Formen gesprochen. Man dürfe nicht die Sprache auf dem Papier erforschen, sondern wirkliche Sprache.
3.Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze, alles muss beobachtbare Fakten haben (deshalb vor allem Morphologie & Lautentwicklung). Ausnahmen basieren auf unbekannten Gesetzen.
4.Da Analogien für aktuelle Sprachzustände gültig sind, gilt dies auch für frühere, die Analogie ist aber nur letzter Ausweg.

F. de Saussure: „Mémoire sur le système primitif des voyelles des langues indoeuropéennes“ (1879)
300seitige Seminararbeit. Darstellung der Ablautverhältnisse der indoeuropäischen Sprachen, welches dadurch Rückschlüsse auf den ursprünglichen Vokalbestand zulässt.
1.Er sichert die Entdeckung silbischer Nasale und Liquide ab und ergänzt, dass ihre langen Versionen durch einen Ergänzung mit einem sogenannten sonantischen Koeffizienten A entstanden. Diesen errechnete er, da er nicht belegt war.
2.Ausgehend vom ‚a‘ rekonstruiert er das Vokalsystem [systematisch. vgl atomistische JG]
3.Durch den A ist nun erlaubt, die vorher absolut unregelmäßig wirkenden indoeuropäischen Wurzeln in 2 Klassen einzuteilen.

H. Paul: „Prinzipien der Sprachgeschichte“ (1880)
Sprachwissenschaft soll eine empirische Basis haben, nicht nur bloß beobachtbar sein, wie ihre Vorgänger meinten. Einflüsse sind vor allem Humboldt, Whitney und Steinthal. Unterschiedung zwischen Natur- und Kulturwissenschaften und Zuordnung der Sprachwissenschaft zu Zweiterem, da sie auch psychische und nicht nur physische Faktoren hat. Jeder Kulturwissenschaft eine Prinzipienwissenschaft zugeordnet, welche allgemeine Bedingungen und Gesetze aufdecken soll, also auch, wie die Gesellschaft miteinander wirkt. Sprache wird aber nur in ihrer historischen Entwicklung erforscht, nicht allein im gegenwärtigen Zustand, Linguisten sollen Regeln aufdecken die zum Sprachwandel führen (und nicht den Wandel selber), untersucht am Individuum, nicht an sozialer Interaktion.

1887 Brugmann bekommt den neuen Lehrstuhl Indogermanistik an der Universität Leipzig.

1913 L. Bloomfield „Introduction to the Study of Language“

1916 Leskien stirbt.

F. de Saussure: „Cours des linguistiqe générale“ (1916)
Posthum, zusammengetragen von Charles Bally und E. Sechehaye und vermutlich von diesen erweitert. Sprache unterteilt in langage (die allgemeine Fähigkeit zu Sprechen), langue (eine systemhafte Einzelsprache mit Grammatik; gleichzeitig aber auch die idealisierte Form menschlicher Sprache) und parole (das konkrete, individuelle Sprechen).
Sprache als Zeichensystem (und SW als Unterpunkt einer neuen Wissenschaft, der Semeologie), der Wert eines Zeichens ergäbe sich durch seine Stellung im System (paradigmatisch, also Zeichen die an derselben Stelle vorkommen können und syntagmatisch, Einheiten in einem gemeinsamen Kontext) und dadurch, was es von anderen Zeichen unterscheide. Kollokation ist das erwartbare Vorhandensein von Zeichen die von der Bedeutung her miteinander etwas zu tun haben. Weiterhin verbinden Zeichen nicht Idee (Bezeichnetes, signifié) und Lautbild (Bezeichnendes, significant) sondern sind dies in einer Form untrennbar vereint. Die Anwendung der SW ist unterteilt in synchron (zeitgleich, aktuelle Sprachen), und diachron (die bisher herkömmliche h-vglSW) und ordnet letztere der ersteren unter.

1919 Brugmann stirbt.

1920 Trubetzkoy geht nach Wien, Jakobson nach Prag.

1921 Paul stirbt.

L. Bloomfield: „A Set of Postulates for the Description of Language“ (1926)
1.Sprache müsse man so formal wie möglich beschreiben, mit Hilfe mathematischer Mittel, was zu einer eindeutigen Terminologie zwingt.
2.Äußerungen bestehen aus Formen, welches lautliche Merkmale sind, und die Bedeutung sind wiederkehrende S-R-Merkmale.
3.Eine minimale Form kann nicht zerlegt werden und ist ein Morphem und frei oder gebunden (hat aber keine Bedeutung, diese trägt das SR!), ein Wort ein minimales freies Morphem, eine Phrase nicht minimal aber frei, ein Satz das maximale.
4.Für einzelne Sprachen ist dies abwandelbar.
5.Ein Phonem ist ein minimaler distinktiver Laut und trägt keine Bedeutung, es gibt weniger Phoneme als Formen, jede Form besteht völlig aus Phonemen, Phoneme sind in Lautmustern geordnet deren Menge begrenzt ist.
6.Wiederkehrende bestimmte Anordnungen sind Konstruktionen, die SR-Merkmale dazu Konstruktionsbedeutungen, die K von Formativen in einem Wort sind Morphologische Konstruktionen, die K freier Formen ist eine syntaktische Konstruktionen, es gibt weniger K als Formen. Stellen in K sind Positionen, deren Bedeutung ist eine Funktionsbedeutung, Positionen in denen eine Form vorkommt ist ihre Funktion, Funktionsbedeutungen und Klassenbedeutungen ergeben die Kategorien einer Sprache. Wortarten sind Wortklassen einer Sprache.
7.Phonetische Alternationen sind Alternationen von Phonemen in Abhängigkeit mit umgebenden Phonemen (vgl. Phonologie!), diese sind automatisch (wenn wegen umstehender Formen) oder grammatisch, regulär (wenn ihre Formen vorherrschen) oder irregulär. Suppletiv sind Konstruktinen bei denen irreguläre Formen vorherrschen.
8.Dialekte sind durch sprachlichen Wandel entstandene Varianten einer Sprache, der verwendete Hilfsdialekt ist die Standardsprache. Durch sprachlichen Wandel entstandene unterschiedliche Sprachen ind verwandt. Lautwandel ist Wandel von Phonem(klassen) und bedingt wenn aufgrund umstehender Phonem(klassen). Analogien sind Angleichungen, wenn ein Morphem deshalb öfter vorkommt ist es Kontamination. Analogischer Wandel von Formativen ist formative Analogie, von Wörtern semantischer Wandel. Substitution ist Ersetzung eigener Elemente durch fremdsprachliche (Formen), Entlehnung von Formen ergeben Fremdwörter.

Thesen des Prager Linguistenkreises (1929)
1.Sprache ist ein dynamisches Zeichensystem, dessen Gesamtbedeutungen man erforschen muss = Strukturanalyse. Probleme, Forschung vor allem synchron, aber ebenso diachron.
2.Struktur der Sprache im engen Zusammenhang mit umgebender Struktur (außersprachliche Realität: Literatur, Kunst, etc). Auch parole ist systemhaft. = Semantik, Stilistik, Poetik. Funktion der Sprache ist Kommunikation und daher alle Formen wichtig.
3.Beziehungen zwischen Sprachsystemen erforschen = Sprachvergleich, Typologie, Sprachbundproblematik.

W. v. Wartburg: „Das ineinandergreifen von deskriptiver und historischer Sprachwissenschaft“ (1931)

1933 L. Bloomfield „Language“

R. Jakobson: „Beitrag zur allgemeinen Kasuslehre“ (1936)
Weiterentwicklung der Korrelationen auf gesamte morphologische Kategorien. Nun nicht mehr binär aufgrund Kategorien mit mehr als 2 Teilkategorien. 3 Merkmale: Gerichtetheit, Rand und Umfang. Nominativ ist merkmalsslos, die anderen haben 1-3 Merkmale. Mit diesem Modell Erklärung von Kasussynkretismen, welcher Regeln folgt:
1.Rand- und Nicht-Randkasus bleiben immer
2.Gerichtete Kasus (A & D) bleiben nie beide erhalten
3.A zu N oder G, D zu P

1938 Trubetzkoy stirbt nach einem Verhör durch die Gestapo.

N.S. Trubetzkoy: „Grundzüge der Phonologie“ (1939)
Systemhafte Anordnung von Phonemen basierend auf den Aussagen von Baudouin über das Phonem und de Saussure über die Systemhaftigkeit. Phoneme sind sprachspezifisch in Systeme geordnete Abstraktionen (langue) der konkreten individuellen Phone (parole). Er erkannte spezifische Funktionen des Schalls (der Laute), vor allem, dass sie zur Darstellungsebene gehören und sich in distinktiven phonetischen Merkmalen unterscheiden, die linear erzeugt werden. Phonemvarianten sind systemhaft und entweder kombinatorisch (mit speziellen phonologischen Regeln) oder frei. Ein Phonemsystem besteht aus Merkmalsoppositionen die ein- oder mehrdimensional, privativ und/oder graduell sind. Die wichtigsten sind hierbei die eindimensional privativen, da sie Korrelationen bilden, wie z.B. stimmhaft und lang.

1939 Sapir stirbt.

1941 Jakobson flieht in die USA

1942 Boas stirbt.

1947 Wells‘ IC-Analyse.

1949 Jakobson nach Harvard. Bloomfield stirbt.

1951 – 55 N. Chomsky bei Jakobson und Harris in Harvard.

Z. Harris: „Textanalyse“ (1952) „Discourse analysis“
Grundstein zur späteren Textlinguistik sowie zur generativen Grammatik. Er erkannte, dass Sprache nicht als einzelne Teile sondern als ganzer Text auftrat. Die grundlegenden Methoden behielt er bei, da man hierbei erfährt, wie ein Text was sagt (das Was ist egal): Wichtig sind Äquivalenzen (wenn AM und AN vorkommen, sind M und N äquivalent, da in Umgebung von A. Wenn B und CN vorkommen, ist B sekundär äquivalent zu C, da dieses bei einem äquivalenten Element vorkommt), die bei gleicher Äquivalenz eine ÄKlasse bilden, und schließlich wird ein Text in Intervalle (Aufeinanderfolge von ÄKlassen). Nun ist neben der Distribution der Elemente auch ihre Reihenfolge wichtig. Auch führte er die grammatische Transformation ein: Sätze werden in äquivalente transformiert (z.B. Aktiv – Passiv). In diesen Äquivalenzklassen geht es um außertextliche, gesamtsprachliche Sätze.

1957 Jakobson an Harvard und M.I.T.

1957 N. Chomsky „Syntactic Structures“

N. Chomsky: „Aspects of a Theory of Syntax“ (1965) (Standardtheorie, Gesamtgrammatik)
Überarbeitete Version des T-Modells. Syntax neu aufgebaut. PS-Regeln als Basis generieren Tiefenstruktur (TS, abstrakt), Transformationsregeln (T-Regeln) überführen diese in die Oberflächenstruktur (OS, konkret). Die TS wird über Projektionsregeln mit der semantischen Bedeutung verknüpft, die OS über phonologische Regeln mit der phonetischen (hier auch Morphologie). Aufbau:

Projektionsregeln
|
semant. Repräs.
PS-Regeln:
<——–TS:
T-Regeln:
OS——–>
phonet. Repräs.
^
|
phono. Regeln
Satzgliedfunktionen wie Subjekt, Prädikat sind eine grammatische Funktion gegenüber den gramm. Kategorien (wie NP), z.B. Subjekt-von: [NP, S] (Subjekt ist die vom S dominierte NP).
Außerdem stellt Chomsky 3 Stufen der Adäquatheit für Bewertungen von Grammatiken auf, nämlich Beobachtungsä. (Daten müssen richtig sein), deskriptive Ä. (Sprachkompetenz des Sprechers korrekt beschrieben, z.B. müssen Strukturunterschiede erkennbar sein), Erklärungsä. (wenn eine Theorie mehrere Grammatiken erlaubt). Letzteres vor allem deshalb, um Universalien erklären zu können, hier noch 2 Arten: substantielle (wie z.B. distinktive Merkmale) und formale (wie Regeln). Weiterhin unterscheidet er zwischen competence (Möglichkeit der Sprachausübung, Kreativität: unendlicher Gebrauch endlicher Mittel) und performance (Sprache in konkreten Situationen), womit er erklärt, dass die Linguistik einen idealisierten Sprecher-Hörer ohne die üblichen Sprachprobleme (Verwirrung, Fehler, etc) braucht und erklärt dies u.a. durch den Spracherwerb.
Die Standardtheorie ist also der erste Entwurf einer generativen Gesamtgrammatik.

J. Searle „Speech Acts“ (1969)

H. Sacks „A simplest systematics“ (1974)

1982 Jakobson stirbt

1992 Hallis stirbt.

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