Die Argumente von Benua (1997) gegen die stratale Optimalitätstheorie in der Analyse.

Der Text als Buch.

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Abstract

Benua (1997) argumentierte gegen Stratale Optimalitätstheorie (SOT), weil diese stipulieren müsse, zu unrestriktiv sei und falsche Vorhersagen machen würde. In dieser Arbeit wird gezeigt, dass ihre Argumente dank des neuen Modells von Bermúdez-Otero (forthcoming) größtenteils nicht mehr zutreffen. Weiter zeigt sich, dass diejenigen Argumente, die doch zutreffen, ebenso auch auf ihr Modell zu beziehen sind. Letztlich ergibt sich auch, dass SOT mehr als Benuas Modell beherrscht und scheinbar eine Erweiterung oder Ergänzung von ihrem Modell ist.

Inhalt:

1. Einleitung 1

2. Benuas Argumente gegen stratale Modelle. 1

2.1. Serialität 2

2.2. Opazität nur als Nebenprodukt. 5

2.3. Typologische Vielfalt und Restriktivität 7

2.4 Weitere Stipulationen. 9

2.5. Richness of the Input. 9

2.6. Gebundene Stämme 10

2.7. mn-Simplifizierung im Englischen 10

3. Probleme von TCT, die SOT beherrscht. 11

3.1. Nicht-paradigmatische Opazität 11

3.2. Asymmetrische Beziehungen. 11

3.3. Englischer und albanischer Akzent 12

3.4. Masked bases in Highland Ecuadorian Spanish 12

4. Zusammenfassung. 13

5. Referenzen 14

1. Einleitung

Laura Benua schrieb ihre Dissertation 1997, als die Optimalitätstheorie (OT) noch relativ jung war und zuvor die stratalen, regelbasierten Theorien herrschten. Bei diesen argumentierte sie u.a. besonders gegen Paul Kiparsky. Die sich seit 1993 in Gebrauch befindliche OT hat jedoch zu den klassischen stratalen Modellen einige Unterschiede. Sie ist parallel, nicht seriell, kennt keine Zyklen, keine Zwischenstufen. Nicht die temporale Reihenfolge der Regeln ist wichtig, sondern die Gewichtung der Beschränkungen. Dadurch wurde ihr großes Problem allerdings die sogenannte Opazität und deren Über- und Unterapplizierungen.

Benua (1997) argumentiert nun, dass ihre Theorie, die Transderivational Constraints Theory (kurz TCT), eine Erweiterung der Correspondence Theory von McCarthy & Prince (1993) (Benua, 1997: 17), diese Probleme lösen und erklären könne und gleichzeitig, warum eine eventuelle stratale Version von OT dies nicht könne. Man muss aber festhalten, dass es damals noch keine wirkliche stratale OT gab. Ihre Argumente beruhen also größtenteils auf ihren eigenen Vermutungen, basierend auf den damaligen Möglichkeiten. Mittlerweile wurden von Kiparsky und Bermúdez-Otero allerdings eben solche stratalen OT-Modelle entwickelt. In dieser Arbeit sollen Benuas Argumente vor allem an letzterem Modell, der stratalen OT1 überprüft werden.

Zunächst sollen hier Benuas Argumente betrachtet und auch sogleich beantwortet werden. Dazu gibt es theoretische Antworten von Bermúdez-Otero (1999, 2002, forthcoming) sowie Collie (2007) und auch praktische Beispiele. Letztlich wird noch einmal kurz auf Probleme von TCT eingegangen und wie diese durch SOT beantwortet werden.2

2. Benuas Argumente gegen stratale Modelle.

Benua (1997) bringt gleich eine Reihe von Argumenten gegen eine stratale OT. Im Folgenden sollen die wichtigsten hiervon betrachtet und beantwortet werden.

2.1. Serialität

Als erstes Argument erwähnt sie natürlich die Serialität. Eine SOT müsse multiple (Sub-)Grammatiken haben, die seriell verlinkt sind, so Benua (1997: 83f). Dies widerspräche aber den Grundannahmen der OT, die ja strikt parallel ist. Ihre TCT dagegen, so behauptet sie, sei parallel und hält sich damit an die Grundannahmen der OT. Hierzu muss bzw. kann man einiges sagen.

Bermúdez-Otero (forthcoming: 1) antwortet, die Kernprinzipien von OT erlauben sehr wohl, dass ein OT-Modell zyklisch und damit seriell ist. Zumindest könne man nicht beweisen, dass es das nicht sein dürfe. Der Grund dafür ist einfach die Opazität, welche für die klassische OT ein Problem darstellt und für die weitere Annahmen gemacht werden müssen. Wie sich noch zeigt, wird ein serielles Modell benötigt. In SOT durchläuft jeder Zyklus GEN und EVAL, was Bermúdez-Otero (2002) so darstellt:

(1) P(x) = Eval(Gen(x))

EVAL ist hierbei intern parallel. Insofern ist es eigentlich fast dasselbe, was Benua gesagt hat, ihre Evaluation sei ihrer Behauptung nach auch intern parallel. In beiden Modellen ist die Parallelität aber eigentlich nur Illusion (Collie (2007). TCT erreiche diese über seine ‘Rekursive Evaluation‘. Beide Modelle sind also funktional seriell, nur algorithmisch nicht unbedingt, so Bermúdez-Otero (forthcoming: 17f). Er argumentiert, dass SOT und TCT beide seriell und kompositional vorgehen: die Phonologie eines derivierten Wortes sei jedenfalls eine kompositionale Funktion (Bermúdez-Otero, 2002). Nach Collie (2007: 240ff.) lässt es sich so darstellen:

(2) TCT: PIO+OO(iderived, PIO(ibase)) ist dasselbe wie

SOT: Pb(Pa(x), y) bzw. ausführlicher:

P(I) = P(P(x),P(P(y),z)

Dadurch wird Rekursive Evaluation in TCT überflüssig, denn man könnte auch seriell vorgehen. Benuas Beschreibung von TCT wirkt anfangs auch, als beschriebe sie ein stratales Modell. Denn erst muss ein Output1 entstehen, damit der Output2 von Input2 sich daran angleichen kann. Und so ein Vorgang ist seriell. Collie (2007: 264) nennt TCT sogar zyklisch, jedoch müsse dieses den zyklischen Vorgang erst stipulieren durch seine OO-Korrespondenz. Diese bewirkt die genannte Angleichung der Outputs, was man als einen zweiten Zyklus ansehen kann. Benua (1997) und Bermúdez-Otero (forthcoming) sagen auch beide, dass TCT zu SOT kompatibel sei.

Weiterhin nimmt Bermúdez-Otero (forthcoming: 2) an, dass Phonologie grundsätzlich rekursiv ist, indem sie zyklisch über Hierarchien von Domänen angewendet wird (s. o.), die mit Morphologie und Syntax verknüpft sind, womit SOT auch rekursiv vorgehen würde. Man kann also entweder sagen, dass die Rekursive Evaluation von TCT überflüssig oder SOT auch rekursiv ist.

SOT muss, da es seriell ist, zwangsweise mit dem Parallelismus der OT brechen. Aber: Collie (2007: 247) meint, Parallelismus trete sowieso nur intern der Phonologie auf, nicht extern in Verknüpfung mit Morphologie oder Syntax.

Folgend werden die ‘rekursiven’ Vorgänge der beiden Modelle kurz gezeigt.

(3) Rekursion von Benua (1997), dargestellt in Collie (2007, (9), S. 246):

Rekursion (A):

Input: /obvious/ NonFinal OO1-Anchor Align-R
a. ob(ví.ous) *! *
☞b. (ób)vi.ous **
☞c. (ób)vi.ous **

Rekursion (B):

Input: /obvious-ness/

Base: (ób)vi.ous

NonFinal OO1-Anchor Align-R
a’. ob(ví.ous)ness **
b’. ob(ví.ous)ness *! **
☞c’. (ób)vi.ous.ness ***

(4) Dasselbe in SOT (Collie (2007), (10), S. 246):

Stratum 1, Stamm:

Input: /obvious/ NonFinal Align-R Ident-IO(Stress)
a. ob(ví.ous) *! *
☞b. (ób)vi.ous **

Stratum 2, Wort:

Input: (ób)vi.ous-ness NonFinal Ident-IO(Stress) Align-R
a. ob(ví.ous)ness *! **
☞b. (ób)vi.ous.ness ***

Wie man sieht, erreichen beide Modelle dasselbe Ergebnis, müssen beide zwei Stufen durchgehen (sind also seriell), SOT muss einen Kandidaten weniger generieren als TCT, muss dafür aber ein Reranking annehmen. SOT muss jedoch keine seriellen Vorgänge durch etwas wie extra Rekursionen stipulieren, da diese bereits Teil der These sind. Benua sagt zwar, dass die Rekursive Evaluation parallel greife, doch zeigen sowohl Name als Praxis doch schon, dass sie seriell vorgeht.

Ähnlich würde es aussehen mit einem Beispiel wie der nasalen Überapplizierung im Sundanesischen (Benua, 1997: (52) 70): Was bei Benua Rekursion (A) ist, in welcher der Stamm seine nasalen Eigenschaften bekommt, wäre in SOT der erste (Fake-)Zyklus3. Die nasalen Informationen würden mit dem Wort permament gespeichert. Die Nasalität des Plurals würde dann ganz normal applizieren, erst einmal unabhängig davon, welchem Stratum man ihn zuweist.

Ein weiteres Argument für Serialität kommt von Collie (2007: 229ff.): Standard-OT würde den englischen Akzent falsch vorhersagen: oríginal und *òriginálity (wie in àbracadábra) statt richtig orìginálity, denn englischer Akzent könne nur seriell erfasst werden. Erst müsse der Akzent dem Stamm zugewiesen werden, im nächsten Zyklus dann dem Wort.4

Damit erledigt sich auch Benuas (1997: 78) Vorwurf der Stipulation, wann welche Features bewahrt werden müssen, denn der Vorgang ist ein allgemeiner der Theorie und keine auf spezielle Fälle zugeschnittene Zusatzannahme.

Fazit zu diesem Punkt: Ja, SOT ist seriell und führt auch an, dass dies notwendig und TCT es auch ist, denn einige Punkte wie der englische Akzent könnten sonst überhaupt nicht erklärt werden.

2.2. Opazität nur als Nebenprodukt.

Opazität könne zwar auch in stratalen Modellen auftreten, ist dort jedoch nur ein Unfall, ein Nebenprodukt, es wird dadurch nicht erklärt, sagt Benua (1997: 61).

Bermúdez-Otero (forthcoming: 2) antwortet darauf, SOT kann Opazität sogar besser erklären, da angenommen wird, dass phonologische Prozesse zwischen zwei Zyklen transparent auftreten. Mit den drei Strata die er annimmt (Stamm, Wort, Phrase) werden zwei Opazitätsmöglichkeiten erwartet: Genau, was auch vorhanden ist. Es muss nichts stipuliert oder durch externe Faktoren wie in der TCT (Lernbarkeit) erklärt werden.

Weiterhin ist laut Benua (1997: 86) Output-Output Correspondence (also paradigmatische Identitätseffekte) in stratalen Modellen nur Zufall. Stratale Modelle bräuchten Strata, also serielle Zyklen, und interne Zyklizität um paradigmatische Opazität zu erklären.

Das stimmt zwar, dafür können sie aber auch nicht-paradigmatische Identitätseffekte erklären, was TCT nicht kann, so Collie (2007: 254).5

(5) Beispiel für nicht-paradigmatische Opazität (Collie, 2007: (17), 256):

[PL[WL[SLwrite]er]] vs. [PL[WL[SLmitre]]]

UR /raɪt/ vs. /maɪtər/

SL – Raising [rəit] vs. [məitər]

WL [rəitər] vs. [məitər]

PL – Flapping [rəiɾər] vs. [məiɾər]

In (5) ist writer, das ganz normal auf sein Affix reagiert, paradigmatische Opazität, damit könnte auch TCT umgehen. Mit mitre, einer nicht-paradigmatischen Opazität, das kein Affix hat aber ebenso reagiert, nur über Zusatzannahmen aus der Sympathie-Theorie.6

Und in SOT gibt es auch statt interner Zyklizität die ‘Fake Cyclicity’ (Collie, 2007: 259). Diese ist eine der wichtigsten Grundannahmen von SOT: Stratum Eins ist intern nicht zyklisch. Sein Output kommt mit allen phonologischen Eigenschaften permanent ins Lexikon und kann erneut auf Stratum 1 in eine Derivation eintreten (Collie, 2007: 39ff.). Dadurch können z.B. auch gebundene Stämme missapplizieren und einige Fälle, die sonst ein Problem für eine stratale OT darstellten, sind nun leicht zu erklären.7 Natürlich kann man jedoch nun auch sagen, dass dies eine Form der Stipulation sei.

Folgend Benuas (1997: 87) Beweis, dass SOT falsche Aussagen liefern kann: Wenn der Plural-Marker im Sundanesischen auf Stratum 2 eingefügt würde, könnte aufgrund Richness of the Base der falsche Output gewählt werden. Dieser Beweis soll widerlegt werden.8

(6) Anwendung der Fake Cyclicity

a) Falscher Output, wenn auf Stratum 2:

Input: /ãR/ + /ayim/ *NVoral Ident[Nas] *Vnas
a. ar-ayim *!
b. ãr-ayim *

b) Richtiger Output auf Stratum 1 mit Fake Cyclicity:

Input: /ãR/ + /ayim/ *NVoral *Vnas Ident[Nas]
a. ☞ar-ayim *
b. ãr-ayim *!

(6a) ist Benuas Lösung, nach der das falsche Ergebis gewählt wird. Dagegen die Lösung nach dem Modell von Bermúdez-Otero: Auf Stratum 1 erneut einsetzen. Durch Fake Cyclity wird die Evaluation auf Stratum 1 durchgeführt. Damit ist auch dieses Problem lösbar.9

2.3. Typologische Vielfalt und Restriktivität

Um Missapplizierungen erklären zu können, müssen stratale Modelle ihre Rankings in den Zyklen neu ordnen können. Dadurch ergibt sich eine typologisch große Menge an potentiellen Outputs. Weiterhin müsste SOT durch Stipulation erreichen, dass nicht auch Markiertheitsbeschränkungen neu angeordnet werden (Benua, 1997: 90f.). Also kann SOT nur stipulieren, dass Treuebeschränkungen auf einem späteren Level plötzlich wichtiger als Markiertheitsbeschränkungen werden. TCT dagegen ist typologisch restriktiver und durch rekursive Evaluation werden Missapplizierungen möglich. Auch wird das Neuanordnen von Beschränkungen nicht gebraucht, da in TCT das Ranking stets fest ist, für alle sich in der Evaluation befindlichen Outputs.

Diese Aussage streitet niemand ab. Doch die Umstellung auf typologische Vielfalt scheint notwendig zu sein, zumindest beweist Bermúdez-Otero (1999: 178ff.) dies anhand Westgermanischer Geminierung:

(7) Westgermanische Geminierung10

a) Lexikales Stratum

Input: bid-I-an *[σCj *i.j Ons Contact
a. [Σbi.dja]n *!
b. [Σbi.di.]jan *!
c. [Σbi.di.]an *!
d.☞[Σbid.]jan *

b) Postlexikales Stratum

Input: bid-jan Ident* Contact *i.j Ons *[σCj *[σCC
a. bi.di.jan **! *!
b. bi.di.an *! *
c. bi.djan *! * *
d. bid.jan *!
e.☞bid.djan * *

Contact und *[σCj sind Markiertheitsbeschränkungen, die laut Benua ihre Position nicht ändern dürfen bzw. sollten. Würde man ihre Reihenfolge in (7b) jedoch nicht ändern, würde der korrekte Output früh rausgewählt werden. Das bedeutet, dass Beschränkungen grundsätzlich neu angeordnet werden müssen, und nicht nur eine bestimmte Art. Der Vorwurf der Stipulation hebt sich hier also auf.

Weiterhin kontrollieren in SOT die phonologischen Domänen (S, W, P), wieviel Material aus Morphologie und Syntax kommen darf, in TCT gab es hierzu keine Beschränkungen. Der Zugriff auf beide ist lokal und indirekt und durch Regeln beschränkt (Bermúdez-Otero, forthcoming: 43f.). Im Gegensatz zu Benua sagt Collie (2007: 235) auch, dass gerade TCT sehr unrestriktiv sei, da stipuliert werden müsse, welcher Output mit welchem anderen allein in paradigmatische Beziehung treten kann; möglich wäre es nämlich mit allen Outputs (Collie, 2007: 233ff.). TCT sei unökonomisch, da es theoretisch OO-Beziehungen zwischen allen möglichen Formen herstellen kann und erst noch stipulieren muss, welche dies tatsächlich tun (Collie, 2007: 258). Das scheint zu stimmen, doch da diese Stipulation Teil der These ist, kann man es vielleicht nicht unbedingt Stipulation nennen. Sonst müsste man dieses Argument auch gegen SOT gelten lassen.

In SOT gibt es keine Opazität innerhalb der Zyklen, weshalb die Komplexität einer Opazität in einem Ausdruck nur so stark sein kann wie die Anzahl von Zyklen, die er durchlaufen musste. Da die letzte Stufe hierbei transparent sein muss, liegt die maximale Anzahl bei Zwei (Bermúdez-Otero, 2002: 3).11

2.4 Weitere Stipulationen.

Laut Benua (1997: 86) müssen stratale Modelle extra festlegen, wann ein Output als Missapplizierung behalten und nicht in einem weiteren Zyklus verändert werden kann. Weiterhin müssen sie festlegen, wieviele Ebenen bzw. Zyklen oder gar Grammatiken es überhaupt gibt.

Letzteres beantwortet Bermúdez-Otero ja recht deutlich: es gibt drei Ebenen (S, W, P) (Collie, 2007: 36). Weiterhin ist OT laut ihm keine eigene Grammatik, sondern nur Teil der Grammatik. Damit erledigt sich eine Beantwortung des zweiten Vorwurfs. Und durch nur drei Ebenen ist SOT kaum weniger restriktiv als TCT, das bei komplexeren Wörtern auch drei rekursive Durchgänge vornimmt.

Zum ersten Vorwurf: Im Grunde genommen muss TCT dies auch. Beide Modelle können es nur durch Annahme der korrekten Rankings und Beschränkungen erklären. Weiterhin ergibt sich dieses durch das Zusammenspiel mit Morphologie und Syntax.

2.5. Richness of the Input.

Benua (1997: 86f) nennt stratale Modelle intern inkonsistent und behauptet, dass sie ‘Richness of the Input’ nicht unterstützen können. Der Input müsste vielmehr stipuliert werden. Dadurch wird das Modell aber unökonomisch. Hierbei nimmt sie vor allem an, dass Stratum-2-Formen keine Verbindung zur zugrunde liegenden Urform haben.

Doch SOT lässt Richness of the Input zu, da, wie es in OT Standard ist, der wohlgeformte Output sich nur durch Beschränkungen ergibt. Bermúdez-Otero beantwortet dies jedoch nicht direkt, (6b) ist aber eine Möglichkeit Benuas Behauptung in SOT zu entgegnen, da sie das Beispiel (6a) selber verwendete. Hierbei wird angenommen, dass die entsprechende Form nach einem Fake Cycle wieder auf Stratum 1 anfängt. Vielleicht hatte Bermúdez-Otero dies auch im Sinn.

2.6. Gebundene Stämme

Ein stratales Modell könne in Wörtern mit gebundenen Stämmen keine Fehlapplikation auslösen bzw. erklären, so Benua (1997: 86). Sie könne erst durch einen stipulierten Input auf Stratum 2 erreicht werden (Benua, 1997: 219).

Dafür setzt Bermúdez-Otero die Stipulation ein, dass gebundene Stämme ihr Affix bereits bekamen, bevor sie in Stratum 1 eintraten.12 Das ist zwar eine Unterstützung von Benuas Behauptung, dass stratale Modelle stipulativ seien, doch auch Benua stipuliert in ihrer Theorie an dieser Stelle mit ihrer Beschränkung BoundRoot (Collie, 2007: 263), die verhindert, dass gebundene Stämme als Output auftreten können. Scheinbar kann diesen Punkt noch kein Modell befriedigend erklären, beide müssen Zusatzannahmen machen.

2.7. mn-Simplifizierung im Englischen

Stratale Modelle können mit mn-Simplifizierung im Englischen nichts anfangen, so Benua (Collie, 2007: 265). (8) zeigt ihre Version, (9) die Behandlung des Problems in SOT.

(8) mn-Simplifizierung in TCT (Benua, 1997: (178) 199):

Rekursion (A)

/kandεmn/ *mn]σ IO-Max OO1-Dep
a. kʌn.dεmn *!
b. ☞kʌn.dεm *
c. ☞kʌn.dεm *

Rekursion (B)

/kandεmn+(ey)ʃʌn/ *mn]σ IO-Max OO1-Dep
a. kʌn.dεm.ney.ʃʌn
b. ☞kʌn.dεm.ney.ʃʌn *
c. kʌn.dε.mey.ʃʌn *!

(9) Stratum 1 in SOT nach Fake Cyclicity:

/kandεmn+(ey)ʃʌn/ IO-Max
a. ☞kʌn.dεm.ney.ʃʌn
b. kʌn.dε.mey.ʃʌn *!

Wieder zeigt sich, dass nur die Zusatzannahme der Fake Cyclicity SOT retten kann.

3. Probleme von TCT, die SOT beherrscht.

Hier sollen noch ergänzend einige Punkte überprüft werden, die SOT der TCT voraus haben soll. Mit diesen soll gezeigt werden, dass SOT der TCT vermutlich zu bevorzugen ist.

3.1. Nicht-paradigmatische Opazität

Wie schon oben gesagt meinen Bermúdez-Otero und Collie, dass TCT nicht-paradigmatische Opazität nicht beherrscht. Demonstriert wird dies bei ihnen am Flapping des Kanadischen, welches nur indirekt durch Prosodie entsteht. TCT würde das Original schlicht ohne Flap kopieren, um paradigmatische Identität zu erhalten. Um das Flapping zu beherrschen, müsste TCT um Sympathie erweitert werden.13

Zu diesem Punkt kann man wohl kaum mehr sagen. Tatsächlich führen OO-Beschränkungen von TCT zu quasi erzwungener Paradigmatität, auch wenn diese eigentlich gar nicht vorhanden ist.

3.2. Asymmetrische Beziehungen.

In der OT dürfen Beziehungen zwischen Formen nur assymetrisch14 sein, was SOT von Haus aus durch seine Zyklen liefert (Collie: 235). Ein Rückschritt in den Zyklen ist nicht möglich. In TCT dagegen müssen Priority of the Base15 und Rekursive Evaluation16 erst stipuliert werden, um Asymmetrie zu erhalten, denn eigentlich ist OO-Korrespondenz von Natur aus symmetrisch (Collie, 2007: 239f.). Wie oben schon angesprochen könnte jeder Output in eine Beziehung mit jedem anderen Output treten. Deshalb muss Benua stipulieren, dass es als Beziehungen nur OO1 und OO2 gibt und nicht noch mehr. Benuas Annahme hierzu ist, dass Lernbarkeit dies begrenzt (Collie, 2007: 235ff.). Weiterhin setzt Benua im Hebräischen für jede Trunkationsklasse eine andere OO-Beziehung an. Doch dies ist ebenso stipulativ. Auch sagt sie, dass jedes Morphem einer Sprache theoretisch eine eigene Klasse haben kann, doch sie gruppieren sich meist, z.B. im Englischen zu zwei Klassen. Benua muss stipulieren, dass es zwei Affix-Klassen gibt (Collie, 2007: 237). In SOT dagegen können Affixe schon in der Theorie zu zwei Strata gehören (Collie, 2007: 37). Dies ist aber irgendwie auch eine gewisse Stipulation.

3.3. Englischer und albanischer Akzent

Englische Akzentzuweisung, welche ein Problem für das klassische OT war, ist ein Hauptpunkt, mit dem TCT und SOT werben. SOT kann das Verhältnis zwischen kontrastivem und systematischem Akzent erklären, TCT nicht. Collie (2007: 253f.) zeigt, wie SOT beide Varianten mit demselben Ranking erklären kann, während TCT für beides verschiedene Prozesse benutzen muss.

Ebenso kann TCT die albanische Akzentzuweisung in polysilbischen Wörtern nicht erklären, SOT dagegen schon (Bermúdez-Otero, 2007: 5ff.).

3.4. Masked bases in Highland Ecuadorian Spanish

Bermúdez-Otero (2007: 3ff.) kann anführen, dass auch die Verteilung von Allophonen des /s/ in diesem spanischen Dialekt in TCT nicht erklärbar sei, da es hier ebenso wieder nur kopieren würde, derweil sein SOT diesen Fall gut erklären kann.

4. Zusammenfassung.

Zusammengefasst wirft Benua (1997) einem stratalen Modell also folgende Fehler vor: Es sei seriell, stipulativ, lasse zuviele typologische Möglichkeiten zu, unterstütze ‘Richness of the Input’ nicht, könne paradigmatische Missapplizierung nicht erklären und mit gebundenen Stämmen sowie mn-Simplifizierung nichts anfangen.

Diese Argumente können Collie (2007) und Bermúdez-Otero (forthcoming) wie gezeigt fast gänzlich entkräften und genug Gegenargumente gegen TCT bringen um zu beweisen, dass SOT dem Modell überlegen ist. Zumindest, solange man vor allem Fake Cyclicity nicht als Stipulation ansieht. Doch selbst dann liegt SOT vor TCT. Die einzigen Punkte, die beide Modelle in noch keinem perfekten Licht darstehen lassen, sind folgende:

Beide Modelle müssen teilweise Zusatzannahmen vornehmen. Das scheint aber ein Problem wohl jedes theoretischen Modells zu sein. So braucht z.B. SOT nicht die Annahme rekursiver Evaluation, hat dafür aber seine Fake Cyclicity. Weiterhin müssen beide mit der Grundannahme der Parallelität von OT brechen, sofern man nicht Bermúdez-Oteros Argument gelten lässt, dass die beiden Modelle nur funktional seriell seien.

Wie man sieht, werfen sich Anhänger beider Modelle vor allem Stipulation und falsche Vorhersagen vor. Das Modell, welches ohne Zusatzannahmen auskommt, scheint aber auch erst noch entdeckt werden zu müssen. Es gibt auch durchaus Punkte, in denen beide Modelle nicht zufriedenstellend sind, z.B. bei gebundenen Stämmen. Jedenfalls hat SOT durch die neuen Ansätze derzeit aber einen Vorsprung vor der Konkurrenz, v.a. in Bereichen wie der englischen Akzentzuweisung.

Benuas Vorwürfe waren gegen ihre Vision einer stratalen OT vielleicht gerechtfertigt, gegen SOT können aber nur wenige halten. Damit hat SOT sein Ziel erreicht: es hat bewiesen, dass Zyklen mit OT nicht nur kompatibel, sondern vermutlich auch notwendig sind (sofern sich nicht zukünftig noch Daten gegen diese Aussagen finden lassen) und dass Benuas Versuch vorerst überflüssig geworden ist. Da TCT als der SOT eng verwandt enttarnt wurde, wird eine Verbesserung dieses Modells kaum benötigt werden, zumindest nicht, solange dieses Modell die gleichen Grundprobleme hat. Lediglich die Sympathietheorie könnte noch brauchbare Fortentwicklung erfahren.

5. Referenzen

Benua, L. (1997). Transderivational identity: phonological relations between words.

PhD dissertation, University of Massachusetts, Amherst.

Bermúdez-Otero, R. (1999). Constraint interaction in language change: quantity in

English and Germanic [Opacity and globality in phonological change]. PhD

dissertation, University of Manchester & Universidad de Santiago de

Compostela.

Bermúdez-Otero, R. (2002). “Cyclicity or sympathy? A case study.” Handout of

paper presented at the 10th Manchester Phonology Meeting, University of

Manchester, 25th May 2002.

Bermúdez-Otero, R. (2007). “On the nature of the cycle”. Handout of paper

presented at the special session “Where is allomorphy?”, 15th Manchester

Phonology Meeting, University of Manchester, 25th May 2007.

Bermúdez-Otero, R. (forthcoming). Stratal Optimality Theory. Cambridge: OUP.

Collie, S. (2007). English stress preservation and Stratal Optimality Theory. PhD dissertation, University of Edinburgh.

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Fußnoten:

1Im Folgenden abgekürzt SOT genannt.

2Vor allem Collie (2007) ist dies betreffend in einigen Punkten expliziter als dies im Rahmen dieser Arbeit möglich wär. Bermúdez-Otero (forthcoming, Chapter 2) liefert hauptsächlich theoretische Grundlagen. Auf Kiparskys Modell einer stratalen OT muss hier verzichtet werden.

3Zur Fake Cyclity siehe §2.2.

4Collie (2007) befasst sich mit dem Thema Englischer Akzent recht ausführlich. Siehe auch §3.3.

5Siehe dazu auch § 3.1.

6Collie (2007) demonstriert dies anschaulich.

7Siehe §§2.5., 2.6.

8Beschränkungen im Beispiel sind die von Benua selbst so für Strata 1 und 2 gewählten. Der Smiley zeigt an, dass an der Stelle die Evaluation anhand der gegebenen Beschränkungen das falsche Ergebnis wählen würde.

9Eine andere Möglichkeit ergibt sich im Zusammenhang mit §2.5.: Muss hier als Input überhaupt die nasale Variante des Plurals angenommen werden? Ich glaube nicht.

10Dünne Linien repräsentieren hier ein gleiches Ranking, fette Linien einen Ranking-Unterschied

11Siehe auch §2.1

12Weiterhin dann durch Fake Cyclity phonologische Merkmale bekommen, ins Lexikon wandern und schließlich erneut in Stratum 1, siehe §2.2.

13Collie (2007: (18) 257f.) zeigt dies, wofür in dieser Arbeit aber nicht genug Raum ist.

14Auch nach Benua (1997)

15Asymmetrie kann nur von Stamm auf derivierte Form und nicht umgekehrt stattfinden

16Erzwingt ebenso Asymmetrie

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