GaAL08 Mauern und Murmeln

Traurig sah Johannes aus dem Fenster. Unten im Hof spielten die anderen Kinder – seine Freunde. Wie gerne wäre er nun dort hinuntergelaufen um mitzuspielen – doch er durfte nicht; sollte hier bleiben, während seine Familie alles plante, vorbereitete. Morgen ginge es in den Westen, so ihre ewigen Wiederholungen. Alles sprach nur noch von Wiedervereinigung und Mauerfall. Und er – was ging ihn das alles an? Er lebte hier in Treptow, solange sein kleines Gedächtnis sich erinnern konnte; er wollte überhaupt nicht irgendwo anders hin. Sein zartes Herz sehnte sich nach nichts weiterem. Aber die anderen, die ‘Großen’, beachteten seine Wünsche nicht.

Im Türrahmen zur Küche stehend überlegte er zu fragen, ob er nicht doch hinuntergehen dürfe. Doch kaum, dass sie ihn bemerkte, unterbrach seine Mutter ihre packenden Fähigkeiten und sah ihn bloß verwirrt an. Schnell kam sie auf ihn zu, ihn mit den Armen verscheuchend, wie man Tiere fortjagen würde, und rief ihm eindringlich hinterher, er solle endlich sein Zimmer aufräumen. – Was brachte ein aufgeräumtes Zimmer, wenn sie morgen doch wegfahren wollten? Er versuchte es noch bei seinem Vater, der mit Freunden vor der flimmernden Kiste saß und heiß über das mit ihnen sprach, was der Bildschirm ihnen gerade zeigte: Eine Mauer, die abgetragen wurde. Als Johannes sich Gehör zu verschaffen suchte, winkte ihn der Vater bloß fort; sah ihn nicht einmal an.

Dem Jungen war offensichtlich, dass sie ihn nicht bräuchten. Doch wenn sie so beschäftigt waren, würden sie sein Verschwinden doch sicherlich auch nicht bemerken. Schnell schnappte er sich aus seinem Zimmer sein Lieblingsspielzeug für den Hof – seine Murmeln – und schlich in den Flur. Vorsichtig versuchte er außerhalb der Blickwinkel seiner Eltern zu bleiben, nahm sich Jacke samt Schuhe und verließ die Wohnung. Erst draußen im Hausflur zog er sich an.

Als er schließlich aber im Hof ankam, musste er feststellten, dass all seine Freunde plötzlich verschwunden waren. Verwundert machte er sich auf die Suche, doch fand sie nirgendwo. An keinem ihrer üblichen Treffpunkte oder Verstecke war auch nur eine Menschenseele. Wo waren sie wohl alle hin? Etwa schon nach hause? Das taten sie doch so früh an so schönen Tagen nie. Mussten sie etwa auch heim, da ihre Eltern mit ihnen in den Westen fahren wollten? Doch eine Möglichkeit gab es noch, wo er Freunde von sich anzutreffen vermutete: der Park.

Doch vorher suchte er noch kurz seinen Onkel auf. Dieser war der einzige Erwachsene, den er kannte, der sich stets den Launen der anderen entgegenstellte, seinen eigenen Weg ging, eher zu den Kindern hielt. Unten an der Tür des Hauses angelangt versuchte Johannes bereits von Außen zu sehen, ob jemand zu Hause sei, doch waren die Fenster wie immer von Gardinen verhangen – dies brachte ihm also keine Einsicht. Natürlich klingelte er schließlich und nutzte dabei das alte Klingelzeichen, welches sie beide vereinbart hatten. – Und es folgte keine Antwort. War er etwa auch verschwunden, wie all die anderen feiern? Aber das würde doch gar nicht zu ihm passen. Enttäuscht trottete Johannes wieder von dannen.

Während er seinen Weg zum Park suchte, sah er immer wieder Menschen in die Straßen kommen: feiernde Menschen und sich freuende Gesichter. Einmal waren sie sogar vor einem Teilstück der Mauer versammelt, als sei es ein Treffpunkt. Dort hinten, wo die Kinder so oft Verstecken gespielt hatten. Doch Johannes störten diese Behinderungen seines Weges jetzt nur; stets hatte er die Alten zu umgehen. Öfters versuchten sie ihn zwar mit in ihre Feiern zu verwickeln, doch immer verschwand er wieder, sobald es ging. Zumindest aber fragte ihn niemand, was er so alleine auf der Straße zu suchen hatte; das schien heute für alle nichts Ungewöhnliches.

Und dann erreichte er sein Ziel. Der Park lag friedlich am Fluss, wie eh und je – oder? – Nein. Mehr Menschen als sonst erblickten seine Augen dort in den Flussauen. Wie sollte er da denn seine Freunde finden? Wie sollten sie da denn auf der Wiese oder unten am Fluss spielen? Letzteres erübrigte sich aber, als er flussauf, flussab bloß Familien und Pärchen vorfand, teilweise feiernd, teilweise entspannend, doch keine Spur seiner Freunde, an keinem ihrer üblichen Orte. Da begegnete er dem Eichhörnchen. Drüben auf der Insel, unfern der Brücke, da sah er es. Schon immer hatte er diese Tiere gemocht und zunächst verwunderte ihn an diesem nur, dass es hier auf der Insel und nicht im eigentlichen Park war. Aber schon gingen seine kindlichen Triebe mit ihm durch und er versuchte es zu fangen. Einmal rund um einen Baum herum folgte er ihm und letztlich auch auf diesen hinauf, so weit es ihm möglich war, und schwebte dort gefährlich nah über dem Wasser. Schon vermeinte er seinen festen Griff zu verlieren – da hatte er keine Lust mehr.

Als er wieder herabkletterte, hatte sich etwas verändert. Er bemerkte es nicht sofort, doch – die Farben waren anders. Das Wasser schien ihm bräunlicher, die Pflanzen gelblicher zu sein. Und das war nicht alles. Das Gras auf dem er ging, bewegte sich weicher, die Blätter der Bäume raschelten sanfter. – Da fiel es ihm auf: Das Gras bestand aus Weingummi! – Und Blätter an den Bäumen im Spätherbst! Staunend beugte er sich nieder, um von dem Gras zu kosten – und es gefiel. Neugierig ging er auch zum Wasser und nahm sich eine Handvoll – Cola erwartete ihn. Irgendwie gefiel ihm dies, auch wenn es sonderbar war. – Sonderbar? Aber warum denn? Plötzlich war ihm entfallen, was er gerade tun wollte. Bevor er jedoch zuviel Zeit zum Wundern hatte, tauchte das Eichhörnchen wieder auf – oder ein Freund ebendieses.

Kühn und herausfordernd saß es da und blickte ihn stumm an. – Blickte schlauer als alle anderen Eichhörnchen, die Johannes je gesehen hatte. Zunächst verhielt es sich ruhig, ihn bloß beobachtend. Dann plötzlich ruckte es, ließ sich mit einem Mal auf alle Viere nieder – wendete – und lief davon, über die Brücke hin zum Festland. Nach kurzem Zögern folgte Johannes, dabei weiter die Umgebung bewundernd. Die Brücke war aus kunstvoll verziertem Lebkuchen, als wollte sie für ein Märchen posieren. Auf der anderen Seite angelangt kamen ihm Enten entgegen – und begrüßten ihn. Höflich grüßte er zurück, mittlerweile sich kaum noch wundernd. Mäuse aus Schokolade, Ameisen mit Zuckerguss und bunte Vögel – was auch immer dort in diesem Park kräuchte und fläuchte, hieß ihn fröhlich willkommen, um daraufhin seine Tätigkeit gleich wieder aufzunehmen. Jeder hier schien bloß das Leben zu genießen.

Auf der Festlandsseite war das Gras nicht Weingummi, sondern federweich und schmiegsam. Seufzend ließ er sich darauf nieder und sah zum Himmel hinauf. Auf einem freundlichen blauen See trieben dort weiße Schäfchen und eine gelbe Sonne lächelte ihm zu, versuchte ihn zu kitzeln. – Ach nein, das war der bauschige Schwanz des Eichhörnchens neben ihm. Was wollte es denn? Verschlafen doch glücklich lächelnd wandte Johannes ihm sein Gesicht zu. Da stand das kleine Wesen auf seinen Hinterbeinen und beobachtete ihn. Doch kaum, dass er ihm Aufmerksamkeit geschenkt hatte, deutete es schon auf eine Stelle weiter hinten auf der Wiese. Seinen Blick dorthin wendend bemerkte Johannes weitere Hörnchen, die fröhlich tollten und sich Nüsse wie Murmeln zurollten. Das heftige Deuten seines kleinen Besuchers konnte wohl nur heißen, dass er mitspielen solle.

Langsam erhob er sich also – dieses Bett würde er missen wie keines je zuvor – und trollte sich hinüber zu den Spielenden. Schnell war er in ihre Runde aufgenommen. Regeln zu erklären gab es kaum welche, schien es doch dasselbe Spiel zu sein, dass Johannes schon immer gespielt hatte. Doch als er dann die Murmeln aus seinem Beutel nahm, erwartete ihn tiefstes Erstaunen seitens seiner Mitspieler – solche Murmeln schienen sie noch nie gesehen zu haben. Sie betatschten und besahen sich die kleinen gläsernen Kugeln, als seien sie seltsame Schätze.

Als das Spiel dann startete, behandelten sie die Murmeln weiterhin mit großer Rücksichtsnahme und Vorsicht. Die Übervorsichtig führte dazu, dass ein besonders kleines und junges Eichhörnchen bei seinem Wurf gegen eine seiner eigenen Nüsse nicht nur daneben traf, sondern sogar eine von Johannes’ Kugeln anstieß. Mit überraschender Geschwindigkeit rollte sie über die Wiese – und das Eichhörnchen rannte ihr hinterher. Die Murmel verließ bald das Grün, überquerte den Weg und drohte zum Fluss zu kommen. Eng hintendran war das kleine Hörnchen, schnappte immer wieder mit seinen Pfötchen, doch stets daneben – und dann waren sie beide zu nah ans Wasser gekommen. Im hohen Bogen flog die Murmel über den Kai ins Wasser. – Das Hörnchen versuchte sie noch zu packen, doch verlor dabei das Gleichgewicht und fiel. – Platsch!

Erschrocken sah Johannes zu. Die Eichhörnchen um ihm herum sprangen ängstlich auf und ab, doch keines konnte etwas tun – sie alle konnten nicht schwimmen. Und so war es an Johannes, während im Wasser das kleine Tier ums Überleben rang, mutig hinterherzueilen und in das klebrige Nass zu springen. Doch – er konnte ja selber nicht schwimmen! – Gemeinsam kämpften sie und mit knapper Not bekam bekam Johannes Kai und Tier zu fassen. Keuchend zog er sie beide an Land, rollte sich erschöpft auf den Rücken und schloss die Augen. Ihm wurde schwarz.

Als er seine Augen wieder öffnete, standen zahlreiche Menschen um ihn herum und gafften, als sei er etwas Besonders, während ein Mann in Weiß fragte, wie es ihm ging. – Ein Arzt? – Johannes wurde vorsorglich ins Krankenhaus gebracht, nachdem er zuviel Wasser geschluckt hatte. Seine Eltern kamen ihn abholen, machten ihm Vorwürfe – doch letztlich siegte ihre Sorge. Die Fahrt in den Westen wurde erstmal verschoben und sie versprachen, sich mehr um ihn zu kümmern.

Johannes selbst aber war dies alles erst einmal egal. Während er mit seinen Eltern heimfuhr, blickte er aus dem Fenster und beobachtete die Eichhörnchen im Park, wie sie Murmeln spielten.

Diese Zeit der Wende – seine Zeit – würde er niemals vergessen.

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