Warum es auch positive und natürliche Formen der Verdinglichung geben kann.

1. Verdinglichung im Überblick.

Etwa seit Karl Marx (Das Kapital, 1867) wird der Begriff der Verdinglichung, besonders durch Georg Lukács wieder hervorgehoben, immer populärer. Marx selber wandte ihn zunächst nur auf Arbeit, Produkte und Arbeiter an, doch wurden mit der Zeit verschiedene Typologien der Verdinglichung erstellt. Den frühen Formen war allen gemein, dass sie die Verdinglichung als etwas negatives ansahen, positive oder natürliche Aspekte werden kaum gesehen.

Lukács folgte Marx noch recht eng und postulierte, dass im Kapitalismus die Beziehung zwischen Hersteller und Konsument (der Tauschhandel) einen Charakter der Dinghaftigkeit bekommt und damit ein Warenfetischismus entsteht, ein spezielles Problem des Kapitalismus. Im Kontakt einer Gemeinschaft würde der Tauschhandel durch die Verdinglichung bald ins Innere umschlagen, alle Lebensäußerungen durchdringen und Warenform und Handel so zur Form der Gesellschaft machen.1 Im Kapitalismus würden die Menschen ihr inneres und äußeres Leben vergegenständlichen (verdinglichen) und gesellschaftliche Beziehungen sich an manipulierbare Dinge assimilieren. Die Ursache sei, dass die Produktion auf Lohn beruhe und der Mensch zur Ware wird, die Produzenten werden so zu “Sachen” füreinander, die Lebenswelt objektiv. Immerhin aber, so Lukács in gespieltem Zynismus, mache der Kapitalismus alle gleich – nämlich dadurch, dass alle verdinglicht und damit austauschbar werden.2

Auch Horkheimer und Adorno betonten in ihrem Klassiker, der ‘Dialektik der Aufklärung’ von 1944, dass sowohl die Waren gleich und ‘standardisiert’ werden, als auch das einzelne Individuum in der Gesellschaft austauschbar wird. Das Individuum wird ersetzbar, der Mensch ist nur noch Kunde, Objekt. Die Werbung ist die neue Beherrschungsmethode. Weiter befindet sich jeder in einem System von Beziehungen, in die man reinpassen muss. Je besser man das schafft, desto höher wird der eigene Lebensstandard. Eine Möglichkeit selbstständig zu werden und auszusteigen gibt es nicht. Nur wer gleich sein kann bleibt. Freundschaften werden zu Bekanntschaften, die keinen mehr innerlich berühren.3

Axel Honneth baute 2005 auf Lukács auf und wollte diesen ‘verbessern’ und vor allem eine klarere Typologie aufstellen. Verdinglichung (anderer Personen) sei ihm zufolge ein Prozess, in dem das Wissen um andere Menschen sowie ihr Erkennen verloren gehen. Wenn die Anerkennung (in andere Hineinversetzen – emotionale Identifizierung) vergessen wird und die Welt verdinglicht ist, ist alles bloß noch beobachtbar und hat keine eigene Subjektivität mehr. Als Gründe hierfür vermutet Honneth entweder eine Aufmerksamkeitsminderung oder ein Vergessen als unbewusste Abwehr.4 Laut Honneth wäre es normal, dass wir unsere Wünsche und Emotionen formulieren und anerkennen. Allerdings sind wir ihnen passiv ausgeliefert und können sie auch falsch auslegen. Das Subjekt muss dazu in der Lage sein seine Wünsche und Emotionen zu artikulieren. Dies führt zur Selbstverdinglichung, in der wir unsere Wünsche vergessen, wenn wir uns zu sehr in Selbstbetrachtungen verlieren oder neue Gefühle ‘produzieren’ müssen.5 Zum Schluss will Honneth noch die aktuellen Gefahren der Selbstverdinglichung aufzeigen, die uns z.B. in der Bewerbung (als Verkaufsgespräch) oder dem Online-Dating (als Gutstellung) begegnen.

Letztlich noch wollte Martha C. Nussbaum in dem Essay ‘Verdinglichung’ von 1999 zeigen, dass die Verdinglichung (im sexuellen Bereich zumindest) auch ‘schön’ bzw. durch ihren Kontext gut sein kann. Verdinglichung ist etwas, in der man etwas als etwas anderes behandelt, während normale Menschlichkeit von ihr kantianisch definiert wird.6 Sie sieht sieben Unterarten der Verdinglichung: 1. Jemanden als Instrument behandeln, 2. die Autonomie (Selbständigkeit) leugnen, 3. jemanden als nicht aktiv behandeln, 4. jemanden als austauschbar gegen gleiches oder anderes behandeln, 5. jemanden als verletzbar betrachten, 6. jemanden als käuflich (Besitz) betrachten, 7. die Subjektivität (Gefühle) leugnen.7 Der Begriff der Verdinglichung ist laut Nussbaum unscharf. Mal treffen mehre der obigen Formen zu, mal weniger. Bei Menschen liegt eine Verdinglichung meist vor, wenn Autonomie und Subjektivität geleugnet werden. Ihr Fazit ist, dass Instrumentalisierung (und Verdinglichung) fragwürdig ist, es aber gut sein kann, wenn es mit Achtung in sozialer Gleichheit geschieht – zumindest im sexuellen Bereich.8

2. Ergänzung und Kritik

Debatten betreffend den sogenannten ‘Körperkult’ behandeln oftmals das Thema, wie der menschliche Körper von diesem selbst verändert und manipuliert, also als ‘Ding’ behandelt wird – und in geringerem Maße auch, warum das durchaus natürlich und sozial sein kann. Diesen Autoren zufolge ist der menschliche Körper nichts ‘natürliches’, sondern ein soziales Phänomen: erst die Kultur prägt dem Menschen auf, wie er seinen Körper sieht und behandelt9. Diese Ansichten stehen also zunächst einmal im starken Kontrast zu naturalistischen Einstellungen und Thesen, denen zufolge nur der ‘Naturzustand’ ideal ist. Der Naturzustand ist aber gerade der Sozialzustand.

Der Körper nimmt eine kulturelle Form ein, er repräsentiert mit seinem Äußeren vor allem soziale Stellungen – und das schon seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte. Bis ins 19. Jahrhundert hinein schmückten sich vor allem die ‘herrschenden Klassen’ um sich abzuheben. Auch was der Mensch allein dem Gegenüber nur schlecht ausdrücken kann – sein Innenleben – soll sein Äußeres für ihn übernehmen. Kleidung, Schminke, Körperhaltung, Gehverhalten, Schmuck etc. zeigten schon immer an, zu welcher sozialen Schicht ein Mensch gehörte. Erst diese klare Darstellung des eigenen Ichs zu einer sozialen Gruppe soll so auch die Entstehung des Bürgertums beschleunigt haben10. Um von einer sozialen (Sub-)Gruppe akzeptiert zu werden, muss man meist auch optisch ihren Ansprüchen genügen und um dies erreichen zu können muss das Individuum auch seinen Körper kennen und formen. Mit so einer Formung hat das Subjekt aber gleichzeitig auch die Möglichkeit, sich verbergen, verkleiden zu können. Es genügt, sein Äußeres zu ändern um schon nicht mehr aufzufallen oder – gerade aufzufallen; dazuzugehören oder nicht11. Das Fazit, das man schließt, ob diese Entwicklung positiv oder negativ ist, hängt wie immer vom subjektiven Geschmack und der Nutzung der Möglichkeit ab; wenngleich es natürlich auch Gefahren gibt.

Diese Möglichkeit zur eigenen Formung – Anpassung – ist die Verdinglichung des Körpers; erst wenn man den eigenen Körper als Objekt vor sich hat kann man an ihm arbeiten12. Diese Verdinglichung ist absolut notwendig für den Menschen als soziales Wesen, gehört dieses soziale Ritual der Gestaltung doch fest zu seiner Gesellschaft; hierbei ist wieder nur negatives zu finden, wenn die Ausführung unter Zwang gerät oder exzessiv wird. Neben oben erwähnter ‘Klassenunterschiede’ in Kleidung und Äußerem (durch die sich das Bürgertum bildete) gibt es auch einfachere Fälle, wie Berufskleidung die sofort eine Zugehörigkeit suggeriert. Meist erst durch die Verdinglichung des eigenen Körpers erkennen andere Mitglieder derselben Gruppe ein Individuum als zugehörig an; sie werden anerkannt13. Natürlich muss der Mensch dafür viel Aufwand betreiben; meist nur an sich selbst, damit die anderen ihn natürlichen Reflexen folgend automatisch anerkennen. Die Notwendigkeit zur Verdinglichung ist dem Menschen eingegeben, um andere möglichst leicht und schnell zuordnen zu können, ohne selber größeren Hirnaufwand betreiben zu müssen. Es wäre schlicht unökonomisch jeden Menschen erst nach seinem Charakter, Beruf, sozialer Stellung etc. zu befragen; ein einfacher Blick und automatische Verarbeitung einiger Signale ist da wesentlich schneller und lässt Kapazitäten für andere Aufgaben. Allerdings ist dies nur der erste Augenblick; Menschen passen ihren Blick eines anderen Objektes stetig an, weshalb man hier kaum von einer negativen sondern eher natürlichen einmaligen Verdinglichung sprechen kann.

Die Ursprünge liegen hierbei wohl darin, dass der Mensch als Lebewesen – ursprünglich als Tier – sich wie dieses in der Evolution auch sexuell durchsetzen musste – und in dieser Dimension zählt Aussehen viel14. Mit der komplexer werdenden Gesellschaft wurde die Notwendigkeit der Schönheit aber auch wichtiger, weshalb attraktive Menschen heutzutage meist mehr Erfolg in Liebe und Karriere haben als ihre Artgenossen15.

Dieser kurze Ausflug sollte zeigen, dass Verdinglichung auch durchaus eine vollkommen natürliche und wichtige Reaktion des Menschen im Umgang mit anderen Objekten seiner Lebenswelt ist, ohne die er kaum leben kann. Die Sinnesorgane des Menschen speisen das Hirn zwar mit einer Unmenge von Informationen, von denen dieses aus Kapazitäts- und Ökonomiegründen jedoch nur Bündelungen, Bekanntes (Assoziationen) und Wichtiges herauspickt. Auf diese Weise verdinglicht der Mensch seine Umwelt bereits automatisch. Das ist aber noch nichts negatives, sondern wird nur zu einem solchen, wenn er über die Verdinglichung nicht mehr hinauskommt. Der Zwang zur Verdinglichung wird umso stärker, je größer eine Gesellschaft wird, weshalb der zunehmende Prozess der Verdinglichung nicht – wie Lukács meinte – auf den Kapitalismus sondern schlicht auf die wachsende menschliche Gesellschaft zurückzuführen ist.

Um in dieser angeschwollenen Gesellschaft nun bestehen zu können muss der Mensch sich selbst verdinglichen – wie er es bewusst oder unbewusst schon immer tat –, um sich ändern und damit hervorheben – oder verstecken – zu können. Die Möglichkeit dies zu tun ist ein großer Vorteil der Menschheit; der Zwang es tun zu müssen ist weniger schön, doch geht er zwangsläufig Hand in Hand mit der menschlichen Expansion sowie Evolution. Horkheimer und Adorno hatten schon Recht es zu kritisieren, doch sahen sie die falschen Ursachen und keine Lösungen.

Um auf Lukács, Honneth und Nussbaum zurückzukommen muss gesagt werden, dass es wahrhaft viele verschiedene Formen der Verdinglichung gibt, die durch die Typologien dieser drei Personen sicher noch nicht alle abgedeckt sind. Das Problem für diese Typologien ist aber auch, dass sich meist eigentlich Skalen bilden müssten, kommt es doch nicht nur auf eine Form an sich an ob sie positiv oder negativ ist, sondern auf ihre Nutzung. Verdinglichung ist nicht nur negativ, wenngleich man ihre negativen Auswirkungen leichter und schneller bemerkt. Reflexion ist nötig um auch positives und natürliches (biologisches) zu sehen.

3. Literatur

  • Alkemeyer, Thomas: Aufrecht und biegsam. Eine politische Geschichte des Körperkults. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament): Körperkult und Schönheitswahn, 18/2007. Bundeszentrale für politische Bildung 2007.

  • Degele, Nina: Schönheit – Erfolg – Macht. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament): Körperkult und Schönheitswahn, 18/2007. Bundeszentrale für politische Bildung 2007

  • Gugutzer, Robert: Körperkult und Schönheitswahn – Wider den Zeitgeist. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament): Körperkult und Schönheitswahn, 18/2007. Bundeszentrale für politische Bildung 2007.

  • Honneth, Axel: Verdinglichung. Eine anerkennungstheoretische Studie. Frankfurt: Suhrkamp 2005

  • Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt: Suhrkamp 1987

  • Lukács, Georg: Geschichte und Klassenbewusstsein. Studien über marxistische Dialektik. Darmstadt: Luchterhand 1988, 10. Auflage (nach: Berlin: Malik 1923)

  • Nussbaum, Martha C.: Verdinglichung. In: Dies., Konstruktion der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge. Drei philosophische Aufsätze. Stuttgart: Reclam 2002

  • Villa, Paula-Irene: Der Körper als kulturelle Inszenierung und Statussymbol. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament): Körperkult und Schönheitswahn, 18/2007. Bundeszentrale für politische Bildung 2007.

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Fußnoten:

1Vgl. Lukács, Georg: Geschichte und Klassenbewusstsein. Studien über marxistische Dialektik. Darmstadt: Luchterhand 1988, 10. Auflage (nach: Berlin: Malik 1923), S. 170ff (94ff).

2Vgl. ebd., S. 193 (111).

3Vgl. Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt: Suhrkamp 1987, S. 146ff.

4Vgl. Honneth, Axel: Verdinglichung. Eine anerkennungstheoretische Studie. Frankfurt: Suhrkamp 2005, S. 63ff.

5Vgl. ebd., S. 81ff.

6Vgl. Nussbaum, Martha C.: Verdinglichung. In: Dies., Konstruktion der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge. Drei philosophische Aufsätze. Stuttgart: Reclam 2002 , S. 101.

7Vgl. ebd., S. 102.

8Vgl. ebd., S. 148ff.

9Vgl. Gugutzer, Robert: Körperkult und Schönheitswahn – Wider den Zeitgeist. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament): Körperkult und Schönheitswahn, 18/2007. Bundeszentrale für politische Bildung 2007. S. 4.

10Vgl. Alkemeyer, Thomas: Aufrecht und biegsam. Eine politische Geschichte des Körperkults. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament): Körperkult und Schönheitswahn, 18/2007. Bundeszentrale für politische Bildung 2007. S. 7.

11Vgl. ebd., S. 17.

12Vgl. Villa, Paula-Irene: Der Körper als kulturelle Inszenierung und Statussymbol. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament): Körperkult und Schönheitswahn, 18/2007. Bundeszentrale für politische Bildung 2007. S. 20.

13Vgl. ebd., S. 21.

14Vgl. Menninghaus, Winfried: Der Preis der Schönheit: Nutzen und Lasten ihrer Verehrung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament): Körperkult und Schönheitswahn, 18/2007. Bundeszentrale für politische Bildung 2007. S. 34ff.

15Vgl. Degele, Nina: Schönheit – Erfolg – Macht. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament): Körperkult und Schönheitswahn, 18/2007. Bundeszentrale für politische Bildung 2007. S. 26.

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