Die Begriffe Schuld, Strafe und schlechtes Gewissen bei Nietzsche und wie das Vergessen einem darüber hinweg hilft.

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1. Einleitung

Dieser Artikel möchte nur einmal kurz zusammenfassend die Begriffe Schuld und schlechtes Gewissen bei Nietzsche erklären, verbunden mit anderen Begriffen und wie man sie überwinden kann. Grundlage ist die 2. Abhandlung (‘Schuld, schlechtes Gewissen und Verwandtes’) in seiner Genealogie der Moral von 1887. Seitenangaben beziehen sich auf die Ungekürzte Ausgabe aus den Gesammelten Werken von Goldmanns Gelber Taschenbuchreihe.1

Als Grundlage für den Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben lag die Reclam-Ausgabe von 1930 vor.

2.Gedächtnis und Vergesslichkeit2

Ohne Gedächtnis gibt es kein schlechtes Gewissen, darum vermutlich betrachtet er dieses zuerst.

Den Menschen nennt er ein Tier, das versprechen darf, doch was darf es denn versprechen? Sich selbst eine Zukunft, indem er lernt zu unterscheiden, indem er sich ein Gedächtnis des Willens aufbaut, ein aktives Gedächtnis. Doch wer nie etwas vergisst, wird auch nie fertig, weshalb er die Vergesslichkeit wiederum ein positives Hemmungsvermögen nennt. Sie sorgt für Stille, schafft Platz für Neues, hält die innere Ordnung aufrecht. Ohne sie gäbe es keine Gegenwart, ohne je fertig zu werden, gibt es keine Zukunft.

Ein Tier, das versprechen kann, muss für ihn einförmig, gleich und berechenbar sein. Dies schafft die Sitte, indem sie den Menschen durch die ‘soziale Zwangsjacke’ berechenbar macht. Dagegen schafft es das souveräne Individuum, die Sitte wieder zu überwinden, es hat einen eigenen Willen und vor allem Herrschaft über sich, die Natur und Willensschwächere. Dadurch entsteht aber eine Verantwortlichkeit und daraus das Gewissen.

Doch wie entstand das Gedächtnis denn überhaupt? Nietzsche sieht es als einen dauernden, bleibenden Schmerz an. Dies ist auch die Grundlage für jegliche Strafen, denn sie sind da, um ein schlechtes Gedächtnis zu festigen. Erst durch Strafandrohung kann man versprechen.

3. Schulden und Strafen.3

Früher hätte man gestraft aus Rache, als Äquivalent für seine Schuld4, während man heutzutage5 straft, weil der Straftäter auch anders hätte handeln können. Schuld führt Nietzsche auf die Ökonomie zurück, bis zurück zu Schuldnern und Gläubigern. Der Schuldner verpfändet etwas an den Gläubiger, dieser bekommt dadurch ein Herren-Recht: Er kann seinen Schuldner strafen, verachten und misshandeln.

4. Grausamkeit6

Die Grausamkeit sei von den Menschen schon immer verherrlicht wurden, anfangs in Festen:

„Leiden-sehen tut wohl, Leiden-machen noch wohler”7 und „selbst beim alten Kant […]: der kategorische Imperativ riecht nach Grausamkeit…”8

Doch Grausamkeit ist nicht zwangsläufig etwas schlechtes, denn es gab noch kein schlechtes Gewissen und folglich auch mehr glückliche Menschen:

„damals, als die Menschheit sich ihrer Grausamkeit noch nicht schämte, das Leben heiterer auf Erden war als jetzt, wo es Pessimisten gibt.”9

Da der Mensch also das Leiden-machen braucht, solle er sich zurückbesinnen, denn früher gab es kein sinnloses Leiden. Später dagegen musste man gar Götter erfinden um die Existenz des Lebens rechtfertigen zu können.

5. Schuld und Verbrechen.10

Die Schuld ist also die Verpflichtung zwischen dem Käufer und dem Verkäufer, dem Schuldner und dem Gläubiger gewesen. Diese Schuld bringt Scharfsinn, menschlichen Stolz, kurz: Hochmut. Der Mensch fängt an zu werten. Durch Tauschgeschäfte wird alles bezahlbar, abbezahlbar. Die Gerechtigkeit ist die Einigung zwischen Gleichstarken, während die Schwächeren gezwungen werden. Ein Verbrecher ist jemand, der den Vertrag des Gemeinwesens gebrochen hat11 und deshalb etwas schuldet. Je stärker das Gemeinwesen wird, desto schwächer straft es, geht von der Äquivalenz hin zur Bezahlung. Der Gläubiger wird so menschlicher weil mächtiger. Wird man so vielleicht irgendwann ohne Strafen auskommen können, weil es einen nicht mehr kümmert?12 Die Gnade ist so ein Vorrecht des Mächtigen.

6. Ressentiment und Gerechtigkeit13

Das Ressentiment herrscht laut Nietzsche vor allem unter Anarchisten und Antisemiten zu seiner Zeit. Es bringt Rache und damit Gerechtigkeit. Er unterscheidet hier auch zwischen aktiven Affekten wie Herrschsucht und Habgier sowie reaktiven wie der Rache.

Gerechtsein ist ein positives Verhalten. Ein aktiver Mensch sei der Gerechtigkeit näher als ein reaktiver, denn er ist stärker und freier.

Die obere Macht will den unteren Schichten ihr Ressentiment austreiben und erlässt dafür Gesetze: gegen Übergriffe, gegen Willkür. Die Menschen betrachten Schuld und Strafe nun abstrakter als zuvor.

Die essentiellen Grundfunktionen des Lebens sind verletzen, vergewaltigen, ausbeuten und vernichten. Das Recht bildet deshalb einen Ausnahmezustand vom Normalverhalten eines Menschen.

7. Strafen14

Ursprung und Zweck der Strafen werden von der oberen Macht ständig neu ausgelegt, weshalb der wahre Ursprung in Vergessenheit gerät.

Die Nützlichkeit einer Strafe, eines Gesetzes sagt nichts über Zweck und Geschichte von ihr aus, sondern nur, dass ein Wille zur Macht über etwas Niederes gekommen ist.

Das Wachstum der Gesellschaft verschiebt den Sinn der Strafe. Der Fortschritt ist messbar an dem, was von ihr geopfert wird.

Der Wille zur Macht ist das Wesen des Lebens.

Strafen entwickeln sich zu Bräuchen. So ist heute kaum noch erkennbar, warum etwas gestraft wurde.

Letztlich zählt Nietzsche zahlreiche Strafarten auf: Verhinderung, Isolierung, Vorbeugung, Ausgleich, als Fest, als Kriegserklärung, …

8. Das schlechte Gewissen15

Die Strafe soll durch das Gefühl der Schuld ein schlechtes Gewissen erzeugen. In der Realität ist dies unter wahren Verbrechern aber so gut wie kaum vorhanden. Die Strafe härtet vielmehr ab. Hierzu vergleicht er mit Spinoza, der sagte, dass der Verbrecher keine Schuld empfindet sondern nur das Gefühl, dass etwas schief gegangen sei. Die Strafe zähmt nur.

Das schlechte Gewissen ist eine Erkrankung der Gesellschaft. In ihm versagen sämtliche Instinkte. Instinkte, die nach außen gehen sollten, müssen nun durch die drohenden Strafen nach Innen gehen. So bilden sie die Seele und wenden sich gegen den Menschen selbst in Form des schlechten Gewissens. Der Mensch leidet schließlich an sich selber.

Staat und Recht formen den Menschen. Der Herr braucht keinen Vertrag mit seinem Sklaven, deshalb kennen die sogenannten Herrenmenschen auch keine Schuld, keine Rücksicht. Sie sind es aber, die das schlechte Gewissen bei den Schwächeren formen.

Der Mensch selbst schafft sich sein schlechtes Gewissen, er formt sich selber. Die Lust zur Grausamkeit kann umschlagen zur Selbstlosigkeit, Selbstverleugnung.

Als Unegoistisches bezeichnet er Dinge, die durch den Willen zur Selbstmisshandlung entstehen.

9. Religion und Schuld16

Das schlechte Gewissen ist eine Krankheit. Die Vorfahren bilden es in ihren Nachfahren, sie sind ihnen die Gläubiger. Der Glaube, dass ihre Opfer, die sie dem Fortbestehen gebracht haben zurückbezahlt werden müssen, formt Bräuche, die Gesetze der Vorfahren. Je mächtiger ein Geschlecht ist, desto größer glauben sie ihre Schuld ihrem Vorfahren gegenüber, sie machen ihren Ahnherrn zum Gott.

Je größer die Schuld wird, desto größer der Gott, bis hin zum Monotheismus. Atheismus dagegen bringt eine neue Unschuld und so könnte es sein, dass man heutzutage wieder zurück findet.

Moralisierung von Schuld und Pflicht tragen zum schlechten Gewissen bei.

Es ist laut Nietzsche der Wille des Menschen, sich schuldig zu fühlen.

Bei den alten Griechen verherrlichte sich noch das Tier selber, statt einen Menschen zu haben, der sich zerreist. Auch schufen sie sich Götter, die für ihre Schuld verantwortlich sein konnten.

10. Die Hoffnung17

Die modernen Menschen nun sind die Erben langer Selbst-Tierquälerei. Wer kann also noch leben, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben? Heutzutage müsse man fort von der Krankheit, hin zur Gesundheit: zu Abhärtung durch Siege und Gefahren.

Nietzsche nun wartet auf den Menschen, der hier heraus führen kann, aus dem alten falschen Ideal hin zur Wahrheit, der Antichrist und Antinihilist: der Übermensch.

11. Schluss der Moral

Dies war also Nietzsches Auffassung von Gedächtnis, Schuld, Strafe und schlechtem Gewissen und der Aufforderung und Hoffnung, sich daraus zu befreien. Einiges ist kritisierwürdig, der Kernaussage aber zuzustimmen: dem Übel des schlechten Gewissens.

Wer mehr zu seiner Auffassung vom Gedächtnis lesen möchte, dem sei ‘Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben’ ans Herz gelegt.

12. Vergessen im Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben

Nietzsche sah das Vergessen als Positiv an. Vergessen ist wichtig für den Einzelnen wie für das Ganze. Selbst das Tier, mit dem Nietzsche den Menschen oft vergleicht, lebt völlig ohne Wissen an die Vergangenheit und lebt damit gut. Auf sich selbst konzentrieren erfordert auch die Fähigkeit, alles andere vergessen zu können – und nur wenn man sich auf sich selbst konzentriert und kennenlernt, kann man sich überwinden, zum Übermenschen werden.

Im Nutzen und Nachteil geht es um die Historie, und hierzu beginnt er mit dem Vergessen.

13. Das Vergessen

Ohne das Vergessen hängt der Mensch immer am Alten. Dies ist der Unterschied zwischen Mensch und Tier, denn letzteres lebt im Augenblick. Der Mensch dagegen wird von der Last seiner Vergangenheit erdrückt. Die Vergangenheit bringt Leiden und Überdruss, das Dasein wird zum nie vollendbaren, ewigen Gewesensein. Wer sich aber nicht im Augenblick niederlassen kann, wird niemals Glück verspüren noch geben können.

Zum Handeln gehört das Vergessen. Ohne Erinnerung lebt es sich glücklicher. Ohne Vergessen ist Leben unmöglich, denn zuviel Erinnern bringt Schmerz. Man muss das Vergangene ein- und verarbeiten können um nicht zu Schaden zu kommen. Gesund bleibt man nur in einem begrenzten Horizont. Das Vergessen ist wichtig, um Neues aufnehmen zu können.

Der historische Mensch versucht zu sehr anhand der Vergangenheit etwas ‘besseres’ zu machen und scheitert. Dem Überhistorischen bringt das Neue nichts Neues, sondern nur bekanntes und erwartetes, was zu Ekel und Übersättigung führt.

So fordert Nietzsche, dass man nicht von der Geschichte und Vergangenheit bestimmt wird, sondern sie zu Nutzen versteht, zum Zwecke des Lebens.

1Wilhelm Goldmann Verlag, München. Keine Jahresangabe.

2S. 43ff.

3S. 47ff.

4Was der Strafttäter angetan hat, wird auch ihm angetan.

5Also um 1887.

6S. 50ff.

7S. 51.

8S. 50. Vgl. Auch Fußnote 4.

9S. 51.

10S. 54ff.

11Vgl. hierzu auch vor allem Hobbes.

12Das glaube ich nicht. Schon allein durch seinen Hang zum Leiden-machen und weil er nie genug Macht haben kann, wird der Mensch weiter machen mit dem Strafen.

13S. 57ff.

14S. 60ff.

15S. 64ff.

16S. 70ff.

17S. 76f.

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